Veröffentlicht am März 15, 2024

Entgegen der Annahme, dass «Terroir» nur ein Marketing-Begriff ist, handelt es sich um eine messbare biochemische Realität, die den einzigartigen Charakter von Schweizer Spezialitäten prägt.

  • Die Würze von Alpkäse stammt direkt von Terpenen und Aromastoffen in der Alpenflora, die in die Milch übergehen.
  • Die Mineralität eines Weins wird nicht durch den Stein selbst, sondern durch den Einfluss der Bodenchemie auf die Nährstoffaufnahme der Rebe bestimmt.

Empfehlung: Beginnen Sie damit, Produkte bewusst zu vergleichen. Probieren Sie einen Käse aus dem Jura neben einem aus dem Berner Oberland und versuchen Sie, die spezifischen Noten von Kräutern oder die unterschiedliche Textur zu identifizieren.

Ein Bissen von einem rezenten Berner Alpkäse. Die Augen schliessen sich, und eine Explosion von Aromen entfaltet sich: würzig, leicht nussig, mit einem Hauch von getrockneten Kräutern. Man probiert einen anderen Alpkäse, vielleicht aus dem Tessin, und die Erfahrung ist völlig anders – milder, blumiger. Beide sind Alpkäse, hergestellt mit überliefertem Wissen in den Schweizer Bergen. Doch warum diese tiefgreifenden Unterschiede im Geschmack? Viele begnügen sich mit romantischen Erklärungen wie der reinen Bergluft oder den glücklichen Kühen. Diese Aspekte spielen eine Rolle, kratzen aber nur an der Oberfläche eines weitaus faszinierenderen Konzepts.

Die wahre Antwort liegt im Terroir, einem Begriff, der oft im Weinbau verwendet wird, aber für alle landwirtschaftlichen Erzeugnisse von entscheidender Bedeutung ist. Es ist die einzigartige Signatur eines Ortes, eingeprägt in den Geschmack eines Produkts. Doch was, wenn wir Ihnen sagen, dass diese Signatur nicht nur Poesie, sondern knallharte Biochemie ist? Wenn die Mineralität im Wein nicht vom Lecken an Steinen kommt und die Würze im Käse eine direkte molekulare Übertragung aus der Wiese ist? Die wahre Kunst des Geniessens beginnt dort, wo wir aufhören, nur zu schmecken, und anfangen, zu verstehen. Es geht darum, die unsichtbaren Fäden zu erkennen, die vom geologischen Untergrund über das Mikroklima und die spezifische Alpenflora bis auf unseren Gaumen reichen.

Dieser Artikel nimmt Sie mit auf eine sensorische Entdeckungsreise. Wir werden nicht nur die bekannten AOP- und GGA-Labels betrachten, sondern die Wissenschaft dahinter entschlüsseln. Wir werden die biochemische Signatur von Alpkäse, Walliser Wein und Bündnerfleisch dekodieren und Ihnen die Werkzeuge an die Hand geben, um selbst zum Terroir-Detektiv zu werden. Bereiten Sie Ihre Sinne vor, denn wir werden lernen, die Alpen zu schmecken.

Um die komplexe Welt des Terroirs vollständig zu erfassen, werden wir die einzelnen Elemente, die den Geschmack prägen, Schritt für Schritt untersuchen. Die folgende Gliederung führt Sie von den Grundlagen auf der Alpweide bis hin zu praktischen Tipps für Ihre eigene kulinarische Entdeckungsreise.

Warum schmeckt die Sommermilch von der Alp würziger als die Wintermilch?

Die Antwort auf diese Frage ist eine Lektion in direkter biochemischer Übertragung. Der Unterschied zwischen Sommer- und Wintermilch ist nicht nur eine Frage der Frische, sondern eine Frage der Ernährung. Im Winter fressen die Kühe im Tal hauptsächlich Heu. Dieses getrocknete Futter hat zwar alle notwendigen Nährstoffe, aber ein Grossteil seiner flüchtigen Aromastoffe ist bereits verflogen. Die Sommermilch hingegen ist das direkte Ergebnis der Sömmerung auf den Alpweiden, einem botanischen Paradies mit Hunderten von verschiedenen Gräsern und Kräutern. Hier liegt der Schlüssel: die Alpenflora.

Pflanzen wie Alpen-Mutterwurz, wilder Thymian oder Schafgarbe sind reich an Terpenen und ätherischen Ölen. Das sind genau jene chemischen Verbindungen, die für ihre intensiven Düfte und Geschmäcker verantwortlich sind. Wenn eine Kuh diese Kräuter frisst, werden diese fettlöslichen Aromastoffe nicht vollständig im Verdauungstrakt abgebaut. Sie gelangen in den Blutkreislauf und von dort direkt in die Milch. Die Sommermilch wird so zu einem flüssigen Extrakt der Alpweide. Laut einer Studie über Schweizer Alpenkräuter bewirkt der naturgemässe Anbau ein langsames, harmonisches Wachstum der Pflanzen, wodurch sie Zeit haben, ihr unvergleichliches Aroma aufzubauen. Die Milch der einzelnen Regionen erhält so ihren eigenen, typisch würzigen Geschmack.

Diese aromatische Komplexität wird dann im Käse konzentriert und während der Reifung weiter veredelt. Wenn Sie also einen würzigen Alpkäse geniessen, schmecken Sie nicht nur Milch, sondern die Essenz eines ganzen alpinen Ökosystems. Die Produktion ist exklusiv; wie die Schweizer Alpkäse-Organisation bestätigt, werden jährlich nur etwa 5’500 Tonnen dieses geschmacklichen Konzentrats hergestellt. Das Bild unten zeigt die mikroskopischen Strukturen, in denen diese wertvollen Aromen gespeichert sind.

Makroaufnahme von Alpenkräutern mit sichtbaren Aromastoffen, den sogenannten Terpenen.

Die sichtbaren Tröpfchen und Drüsen auf den Blattoberflächen sind die Fabriken, die die einzigartige biochemische Signatur der Sommermilch erzeugen. Jeder Bissen Alpkäse ist somit eine Momentaufnahme der Flora einer spezifischen Alp zu einem spezifischen Zeitpunkt im Sommer. Es ist die direkteste Form von Terroir, die man schmecken kann.

Schiefer oder Kalk: Wie schmecken Sie den Stein im Walliser Weisswein?

Die Vorstellung, dass ein Wein nach „nassem Stein“ schmeckt, ist für viele Feinschmecker faszinierend, aber auch verwirrend. Schmeckt man wirklich den Fels, auf dem die Rebe wächst? Die Antwort ist ein klares Jein und führt uns tief in die Komplexität der Bodenchemie. Man schmeckt nicht den Stein selbst – Rebwurzeln können keine Mineralien direkt aus dem Fels lösen –, sondern den Einfluss der geologischen Matrix auf die Rebe und die Traube.

Im Wallis, aber auch in anderen Weinregionen, finden wir primär zwei Bodentypen, die den Weincharakter prägen: Kalkstein und Schiefer. Jeder hat unterschiedliche physikalische und chemische Eigenschaften. Kalksteinböden (wie im Chablais) sind porös, speichern Wasser gut und haben einen hohen pH-Wert (alkalisch). Dieser hohe pH-Wert kann die Verfügbarkeit bestimmter Nährstoffe für die Rebe einschränken und zwingt sie, härter zu arbeiten. Dies führt oft zu Weinen mit einer höheren, prägnanteren Säure und einer feinen, oft als „kalkig“ oder „kreidig“ beschriebenen Textur am Gaumen.

Schieferböden hingegen (typisch für gewisse Lagen im Oberwallis oder an der Mosel in Deutschland) sind dunkel, speichern die Tageswärme exzellent und geben sie nachts wieder ab, was die Reifung fördert. Sie sind oft nährstoffarm und sauer (niedriger pH-Wert). Weine von Schieferböden neigen dazu, eine andere Art von Mineralität aufzuweisen: rauchiger, würziger, oft beschrieben mit Noten von Feuerstein. Der Charakter des Weins ist also keine direkte Übertragung des Gesteinsgeschmacks, sondern eine komplexe Reaktion der Rebpflanze auf die Nährstoffverfügbarkeit, den Wasserhaushalt und die thermischen Eigenschaften, die von der Geologie vorgegeben werden.

Warum darf sich nicht jedes Trockenfleisch Bündnerfleisch nennen?

Der Name „Bündnerfleisch“ ist mehr als nur eine Bezeichnung für getrocknetes Rindfleisch. Er ist ein Versprechen, eine Garantie für Herkunft, Herstellungsverfahren und Qualität, geschützt durch die „Geschützte Geografische Angabe“ (GGA), im Französischen IGP. Dies bedeutet, dass für die Herstellung strenge Regeln gelten, die im sogenannten Pflichtenheft festgelegt sind. Der entscheidende Punkt ist, dass die Veredelung des Fleisches zwingend im Kanton Graubünden stattfinden muss.

Warum ist das so wichtig? Weil das trockene, raue Bündner Alpenklima eine entscheidende Zutat ist. Die traditionelle Herstellungsmethode sieht vor, dass die Fleischstücke, gewürzt mit Salz, Pfeffer und Kräutern, über mehrere Wochen an der reinen, kühlen Bergluft trocknen. Dieser langsame Prozess bei niedriger Luftfeuchtigkeit, oft unterstützt durch den Föhn, entzieht dem Fleisch Wasser, konzentriert seinen Geschmack und macht es haltbar. Es ist ein perfektes Zusammenspiel von Natur und Handwerk. Ein Fleisch, das in einer klimatisierten Kammer im Unterland getrocknet wird, mag technisch gesehen Trockenfleisch sein, aber es fehlt ihm die klimatische Signatur Graubündens.

Diese Herkunftsbezeichnungen, wie AOP (Appellation d’Origine Protégée) und GGA, sind ein wesentlicher Bestandteil des Schweizer kulinarischen Erbes. Sie schützen nicht nur die Konsumenten vor Nachahmungen, sondern sichern auch das Überleben traditioneller Produktionsmethoden und die Wertschöpfung in den Regionen. Ein historisches Beispiel ist L’Etivaz AOP, der laut offiziellen Angaben im Jahr 2000 als erstes Schweizer Produkt die geschützte Ursprungsbezeichnung AOP erhielt. Diese Siegel sind also keine bürokratische Schikane, sondern ein Bekenntnis zur Authentizität und zum unnachahmlichen Geschmack des Terroirs.

Warum werden die Aprikosen im Wallis so süss wie nirgendwo sonst in der Schweiz?

Wer einmal in eine reife Walliser Aprikose gebissen hat, kennt diesen unvergleichlichen Geschmack: eine intensive, fast honigartige Süsse, gepaart mit einer feinen Säure, die das Aroma perfekt ausbalanciert. Dieses Geschmackserlebnis ist kein Zufall, sondern das Ergebnis eines einzigartigen Mikroklimas, das im Rhonetal wie in einem natürlichen Gewächshaus wirkt. Mehrere Faktoren spielen hier perfekt zusammen, um die Frucht zur aromatischen Höchstform auflaufen zu lassen.

An erster Stelle steht die schiere Menge an Sonnenschein. Das Wallis ist eine der trockensten und sonnenreichsten Regionen der Schweiz. Die lange Sonneneinstrahlung während der Vegetationsperiode ermöglicht eine maximale Photosynthese, bei der die Pflanze Zucker produziert. Gleichzeitig sorgt die Höhenlage für eine intensive UV-Strahlung, was die Pflanze zusätzlich anregt und zur Bildung von Schutz- und Aromastoffen führt. Ein weiterer, oft unterschätzter Faktor sind die grossen Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht. Tagsüber wird bei Wärme viel Zucker gebildet. In den kühlen Nächten verlangsamt sich der Stoffwechsel der Pflanze, und dieser Zucker wird weniger „veratmet“, also für das Wachstum verbraucht. Er wird stattdessen in der Frucht gespeichert und konzentriert.

Zusammenfassend sind es diese Schlüsselfaktoren, die das Walliser Terroir für Aprikosen so einzigartig machen:

  • Intensive UV-Strahlung: Verstärkt die Photosynthese und Aromabildung.
  • Grosse Tag-Nacht-Temperaturschwankungen: Fördern die Zuckerbildung bei Tag und den Aromaerhalt bei Nacht.
  • Mineralstoffreicher Alpenboden: Liefert eine optimale Nährstoffgrundlage.
  • Lange Sonneneinstrahlung: Maximiert die Zuckerproduktion während der gesamten Wachstumsperiode.
Eine typische Walliser Landschaft mit terrassierten Aprikosenbäumen und einem Stück Alpkäse im warmen Licht, das den Reichtum des Terroirs symbolisiert.

Das Ergebnis ist eine Frucht, deren biochemische Signatur perfekt auf Süsse und Aroma getrimmt ist. Das Terroir ist hier weniger eine Frage des Bodens als vielmehr eine des Himmels – eine meisterhafte Komposition aus Licht, Temperatur und trockener Luft.

Wie planen Sie eine kulinarische Reise, um Terroirs vor Ort zu erleben?

Das Verständnis von Terroir ist eine Sache, es mit allen Sinnen zu erleben eine andere. Eine kulinarische Reise durch die Schweiz ist der beste Weg, die Theorie in die Praxis umzusetzen. Der Schlüssel zu einer erfolgreichen Tour liegt in der gezielten Planung. Anstatt wahllos von Ort zu Ort zu fahren, konzentrieren Sie sich auf eine Region und ihre AOP/GGA-Spezialitäten. Dies ermöglicht es Ihnen, tief in die lokalen Gegebenheiten einzutauchen und die feinen Unterschiede wirklich wahrzunehmen.

Ein guter Ausgangspunkt sind die offiziellen „Käsestrassen“ oder Weinrouten. Recherchieren Sie online nach Alpbetrieben, die Direktverkauf anbieten, oder nach Winzern mit offenen Kellertüren („caves ouvertes“). Viele Älplerfamilien freuen sich über Besuch und geben gerne Auskunft über ihre Arbeit. Seien Sie neugierig! Fragen Sie den Käser nach der Fütterung der Kühe, nach der Höhe der Alp und nach den Besonderheiten der Reifung. Fragen Sie den Winzer nach der Bodenbeschaffenheit seiner besten Parzelle. Diese Gespräche verbinden den Geschmack im Mund mit der Geschichte und dem Ort.

Um Ihnen die Planung zu erleichtern, bietet die folgende Tabelle einen Überblick über einige der bekanntesten Schweizer Alpkäse-Regionen und ihre charakteristischen Merkmale, basierend auf einer aktuellen Analyse der Schweizer Alpkäsesorten.

Schweizer Alpkäse-Regionen im Vergleich
Region Käsesorte Reifezeit Besonderheit
Berner Oberland Berner Alpkäse AOP 18+ Monate Hergestellt auf ca. 500 Alpen, wird oft zu Hobelkäse weiterverarbeitet.
Wallis Raclette du Valais AOP 3-6 Monate Ausschliesslich aus roher Vollmilch hergestellt, sehr cremig.
Westschweiz L’Etivaz AOP 5-30 Monate Auf 130 Waadtländer Alpbetrieben über dem offenen Holzfeuer hergestellt.
St. Gallen St. Galler Alpkäse 2-3 Monate Halbhart, im Vergleich oft weicher und geschmeidiger.

Checkliste zur Terroir-Bewertung vor Ort

  1. Herkunft prüfen: Suchen Sie nach dem AOP/GGA-Label und dem Namen der Alp. Fragen Sie nach der genauen Lage und Höhe.
  2. Sensorische Analyse: Nehmen Sie sich Zeit für Auge, Nase und Gaumen. Suchen Sie gezielt nach Noten von Kräutern, Heu oder mineralischen Anklängen.
  3. Produzenten befragen: Stellen Sie konkrete Fragen zur Fütterung der Tiere, zur Bodenart der Weiden oder zur spezifischen Reifungsmethode.
  4. Kontext vergleichen: Probieren Sie, wenn möglich, den gleichen Käsetyp (z.B. einen Raclette) aus einer anderen Region, um die Unterschiede direkt zu erfahren.
  5. Erlebnis dokumentieren: Machen Sie sich kurze Verkostungsnotizen. Was hat Sie überrascht? Welche Aromen waren dominant? Dies schult die Wahrnehmung.

Warum schmeckt der Käse besser, wenn Sie wissen, wie die Kuh heisst?

Diese Frage mag auf den ersten Blick sentimental klingen, aber sie berührt einen tiefen Aspekt des Terroir-Gedankens: die menschliche Verbindung. Der Geschmack eines Produkts wird nicht nur durch seine biochemische Zusammensetzung, sondern auch durch unsere Wahrnehmung und die Geschichte dahinter geformt. Zu wissen, dass der Käse von der Kuh „Blüemli“ stammt, die von der Familie Abderhalden auf der Alp Malbun betreut wird, verändert das Genusserlebnis fundamental. Das anonyme Produkt erhält ein Gesicht, eine Geschichte und eine Seele.

Diese psychologische Komponente ist nicht zu unterschätzen. Studien in der sensorischen Wahrnehmung zeigen, dass Informationen über die Herkunft und Herstellung eines Lebensmittels unsere Geschmackseindrücke positiv beeinflussen können. Es ist der Unterschied zwischen dem Kauf eines industriell verpackten Käses im Supermarkt und dem Kauf eines Stücks direkt vom Laib beim Älpler, der einem von seinem harten, aber erfüllenden Alltag erzählt. Dieser direkte Bezug schafft Wertschätzung. Man schmeckt die harte Arbeit, die Leidenschaft und die rauen Bedingungen der Alpen mit. Der Käse wird zum Botschafter einer Lebensweise.

Die Familie Abderhalden, die ihren Sommer auf der Alp Malbun oberhalb von Buchs verbringt und sogar in der SRF-Sendung „Schweiz aktuell am Berg“ porträtiert wurde, ist ein Beispiel für die rund 17.000 Älplerinnen und Älpler, die während der Alpsaison die Schweizer Alpen bewirtschaften. Sie sind die Hüter des Terroirs. Sie treffen die täglichen Entscheidungen – welche Weide die Tiere als Nächstes abgrasen, wie lange der Käse gerührt wird –, die am Ende den Charakter des Produkts formen. Wenn Sie den Namen der Kuh kennen, kennen Sie einen Teil dieser Geschichte und würdigen die menschliche Komponente, die untrennbar mit dem Terroir verbunden ist.

Wie beschreiben Sie Wein, ohne abgedroschene Phrasen zu nutzen?

„Ein vollmundiger Wein mit einem langen Abgang“ – solche Beschreibungen sind korrekt, aber nichtssagend. Sie vermitteln keine echte Information über den Charakter des Weins. Um Terroir wirklich zu beschreiben, müssen wir lernen, eine präzisere und bildhaftere Sprache zu verwenden. Der Schlüssel liegt darin, von allgemeinen zu spezifischen Eindrücken zu gelangen. Anstatt „fruchtig“ zu sagen, fragen Sie sich: Welche Frucht? Ist es die frische Säure einer grünen Zitrone, die Süsse einer reifen Mango oder das herbe Aroma einer schwarzen Johannisbeere?

Eine hervorragende Übung ist es, Analogien aus anderen kulinarischen Bereichen zu ziehen. Die sensorische Sprache für Alpkäse kann hier als Inspiration dienen. Ein Käser würde nie nur „würzig“ sagen. Er würde von Noten von getrockneten Heublumen sprechen, die durch die traditionelle Holzfeuererhitzung entstehen, oder von einem mineralischen Anklang von nassem Stein, der für Kalkstein-Terroirs charakteristisch ist. Er könnte ein subtiles Röstaroma identifizieren, das von der Erhitzung im Kupferkessel herrührt, oder eine nussige Komponente, die bei der Maillard-Reaktion während des Käsens entsteht.

Dieser Ansatz lässt sich direkt auf Wein übertragen. Statt „mineralisch“ könnten Sie versuchen, zu präzisieren: Ist es die Kühle von nassem Schiefer, der Geruch von Kreidestaub oder die salzige Note einer Meeresbrise? Um diese Fähigkeit zu entwickeln, braucht es Übung und ein bewusstes „Kalibrieren“ der Sinne. Der folgende Plan kann Ihnen dabei helfen, Ihr sensorisches Vokabular systematisch zu erweitern.

Ihr Aktionsplan zur Entwicklung einer präzisen Sensorik-Sprache

  1. Aromen isolieren: Riechen Sie bewusst an einzelnen Gewürzen, Früchten und Kräutern. Prägen Sie sich den Duft von Zimt, Zitrone, Minze und Erde ein.
  2. Vergleichend verkosten: Probieren Sie zwei Weine derselben Rebsorte, aber unterschiedlicher Herkunft, nebeneinander. Notieren Sie die kleinsten Unterschiede.
  3. Assoziationen zulassen: Scheuen Sie sich nicht vor ungewöhnlichen Beschreibungen. Wenn ein Wein Sie an den Geruch eines Waldbodens nach dem Regen erinnert, ist das eine wertvolle und persönliche Notiz.
  4. Texturen beachten: Konzentrieren Sie sich nicht nur auf den Geschmack. Wie fühlt sich der Wein im Mund an? Seidig, rau, adstringierend, cremig?
  5. Wortschatz aufbauen: Lesen Sie professionelle Verkostungsnotizen nicht zur Nachahmung, sondern zur Inspiration für neue beschreibende Worte.

Das Wichtigste in Kürze

  • Terroir ist keine Esoterik, sondern eine messbare Summe aus Geologie, Klima, Flora und menschlichem Handwerk, die eine biochemische Signatur im Produkt hinterlässt.
  • Der Geschmack von Alpprodukten ist eine direkte Übertragung: Aromastoffe (Terpene) aus Alpenkräutern gehen in die Milch über, die Bodenchemie beeinflusst die Säurestruktur im Wein.
  • Geschützte Bezeichnungen wie AOP und GGA sind keine Marketing-Gags, sondern essenzielle Werkzeuge zur Bewahrung der Authentizität und der spezifischen Herstellungsverfahren, die das Terroir prägen.

Hofladen-Guide Schweiz: Wie finden Sie die besten Bauern in Ihrer Nähe?

Nachdem wir die faszinierende Welt des Terroirs theoretisch durchdrungen haben, ist der letzte und wichtigste Schritt, dieses Wissen in die Tat umzusetzen. Der direkteste Weg zu authentischen Produkten führt über die Hofläden und Alpbetriebe der Schweiz. Hier kaufen Sie nicht nur ein Lebensmittel, sondern ein Stück gelebte Kultur und unterstützen die Menschen, die diese Landschaften pflegen. Doch wie findet man diese oft versteckten Perlen?

In den letzten Jahren ist es dank verschiedener Initiativen und Online-Plattformen einfacher geworden. Websites wie „Vom Hof“ oder „Vom Milchbuur“ haben es sich zur Aufgabe gemacht, Produzenten und Konsumenten direkt zusammenzubringen. Hier können Sie nach Region oder Produkttyp suchen und finden detaillierte Informationen zu den Bauernhöfen. Viele Höfe bieten mittlerweile Selbstbedienungsschränke an, die rund um die Uhr zugänglich sind – eine unkomplizierte Möglichkeit, an frische Eier, Milch oder Käse zu kommen.

Eine weitere fantastische Möglichkeit sind die lokalen Wochenmärkte. Hier haben Sie die Chance, direkt mit den Produzenten zu sprechen. Nutzen Sie diese Gelegenheit! Fragen Sie nach der Geschichte hinter dem Produkt. Diese Interaktion verwandelt den Einkauf in ein Erlebnis. Darüber hinaus verbringen laut Schätzungen jedes Jahr fast 500.000 Kühe, Rinder und Kälber den Sommer auf Schweizer Alpweiden, und viele dieser Alpen bieten während der Wandersaison ebenfalls Direktverkauf an. Eine Wanderung zu einer Alp mit anschliessender Käseverkostung ist wohl die authentischste Art, Terroir zu erleben.

Der nächste logische Schritt ist, dieses Wissen in die Praxis umzusetzen. Entdecken Sie die Vielfalt der Schweizer Hofläden und beginnen Sie Ihre persönliche Geschmacksreise zu den Ursprüngen des Terroirs.

Häufig gestellte Fragen zum Geschmack der Alpen

Wo kann ich authentischen Schweizer Alpkäse direkt kaufen?

Während einer Wanderung besteht oft die Möglichkeit, direkt auf der Alp Alpkäse zu erwerben. Viele Bauernfamilien bieten auch im Tal ihre Alp-Produkte in Hofläden an. Online-Plattformen wie „Vom Hof“ oder „Vom Milchbuur“ listen solche Anbieter und erleichtern die Suche.

Was macht Alpkäse so besonders gegenüber Talkäse?

Schweizer Alpkäse ist ein geschützter Begriff. Er darf nur so heissen, wenn er aus Milch von Kühen, Ziegen oder Schafen hergestellt wurde, die auf der Alp weiden, und der Käse auch direkt auf der Alp produziert wird. Diese Kombination aus reichhaltiger Alpenflora im Futter und traditioneller Herstellung vor Ort verleiht ihm sein einzigartiges, würziges Aroma, das Talkäse aus Heumilch nicht hat.

Welche Grosshändler führen Alpkäse im Sortiment?

Für jene, die nicht die Möglichkeit haben, direkt beim Produzenten zu kaufen, führen auch einige Grosshändler wie Coop, Migros, Manor, Globus oder Volg saisonal eine Auswahl an Alpkäsen in ihrem Sortiment. Achten Sie auf die AOP-Kennzeichnung, um echten Alpkäse zu identifizieren.

Geschrieben von Marcel Rochat, Ehemaliger Sous-Chef in der Spitzengastronomie und heutiger Kursleiter für Kochtechniken. Er ist Experte für Fleischqualität, traditionelle Schweizer Gerichte und Gourmet-Küche für zu Hause.