
Ihr Einkaufswagen ist eines der mächtigsten Werkzeuge im Kampf gegen das Artensterben in der Schweiz.
- Monokulturen wie riesige Maisfelder sind „grüne Wüsten“, während alte Sorten (ProSpecieRara) und Weidetiere auf Alpen die Artenvielfalt direkt fördern.
- Das Schweizer Bio-Knospe-Label geht mit seiner 7%-Regel für Biodiversität und strengen Ganzbetrieb-Vorschriften weit über die EU-Bio-Standards hinaus.
Empfehlung: Achten Sie beim Einkauf konsequent auf das Knospe-Label und fragen Sie gezielt nach alten Sorten und Produkten aus Weidehaltung, um die ökologische Geschichte hinter Ihren Lebensmitteln positiv zu gestalten.
Wenn Sie durch die Schweizer Landschaft fahren, sehen Sie scheinbar endloses Grün. Doch dieses Grün ist oft trügerisch. Ein riesiges Maisfeld, perfekt in Reih und Glied, ist für die Natur oft eine stille Katastrophe – eine grüne Wüste, in der kaum ein Insekt Nahrung oder Unterschlupf findet. Wir als Naturliebhaber und Konsumenten sind oft frustriert und fühlen uns machtlos angesichts des Artensterbens. Viele Ratschläge klingen vertraut: „Kaufen Sie Bio“ oder „Essen Sie regional“. Doch diese gut gemeinten Tipps kratzen nur an der Oberfläche und greifen oft zu kurz.
Die Wahrheit ist komplexer und gleichzeitig ermächtigender. Was wäre, wenn nicht nur das Label, sondern die ökologische Geschichte hinter jedem Produkt der wahre Hebel wäre? Jede Tomate, jedes Stück Käse, jeder Apfel in Ihrem Einkaufskorb erzählt eine solche Geschichte – eine Geschichte über Landnutzung, Sortenvielfalt und Lebensräume. Mit jedem Franken, den Sie ausgeben, geben Sie einen Stimmzettel für eine bestimmte Art von Landwirtschaft ab. Sie haben die Wahl zwischen einem Agrar-Ökosystem, das auf Monotonie und Effizienz getrimmt ist, oder einem, das Vielfalt, Resilienz und das Summen von hunderten von Wildbienenarten fördert.
Dieser Artikel ist Ihr Kompass für den Supermarkt und den Wochenmarkt. Er macht Sie zu einem informierten Wähler an der Kasse. Wir werden die Mechanismen aufdecken, die Ihren Einkauf direkt mit der Rettung der Artenvielfalt verbinden. Wir tauchen tief ein in die Schweizer Besonderheiten – von der Bedeutung einer „ProSpecieRara“-Tomate über die versteckten Helden auf der Alpweide bis hin zur überlegenen Philosophie des Bio-Knospe-Labels. Sie werden lernen, nicht nur Produkte, sondern die dahinterstehenden Agrar-Systeme zu erkennen und gezielt zu unterstützen. Machen wir Ihren nächsten Einkauf zu einem aktiven Beitrag für eine lebendige Natur.
Um diese Zusammenhänge zu verstehen und die richtigen Entscheidungen treffen zu können, beleuchten wir in diesem Artikel verschiedene Facetten unserer Lebensmittelproduktion. Vom scheinbar harmlosen Maisfeld bis zu den strengen Kriterien der Schweizer Bio-Labels decken wir auf, wo Sie als Konsument den grössten Einfluss haben.
Inhaltsverzeichnis: Essen gegen das Artensterben: Wie Ihr Warenkorb die Bienen rettet?
- Warum ist das riesige Maisfeld eine grüne Wüste für Insekten?
- Warum ist der Erhalt der „ProSpecieRara“-Tomate wichtig für die Zukunft?
- Wie fördert das Weiderind auf der Alp die Blumenvielfalt, während Soja-Futter sie zerstört?
- Was können Sie anpflanzen, um auch in der Stadt Biodiversität zu fördern?
- Helfen Sie der Natur wirklich, wenn Sie Honig vom Imker kaufen?
- Nützlinge statt Gift: Wie schützen Bio-Bauern ihre Ernte ohne Chemie?
- Die 7%-Regel: Warum muss jeder Knospe-Bauer Platz für die Natur lassen?
- Bio-Knospe vs. EU-Bio: Warum ist der Schweizer Standard so viel strenger?
Warum ist das riesige Maisfeld eine grüne Wüste für Insekten?
Auf den ersten Blick wirkt ein Maisfeld wie ein Inbegriff von produktiver Landwirtschaft. Doch für die heimische Tier- und Pflanzenwelt ist es oft das genaue Gegenteil. Eine Monokultur, also der grossflächige Anbau einer einzigen Pflanzenart, ist eine ökologische Einbahnstrasse. Sie bietet für wenige Wochen im Jahr eine einzige Nahrungsquelle in Hülle und Fülle, aber davor und danach herrscht gähnende Leere. Für Bestäuber wie Wildbienen, Schmetterlinge und Schwebfliegen, die über die gesamte Saison hinweg auf ein vielfältiges Blütenangebot angewiesen sind, sind solche Flächen wertlos.

Dieses Problem ist in der Schweiz von grosser Bedeutung. Allein für Silomais wurden laut provisorischen Daten des Bundesamts für Statistik im Jahr 2023 rund 47.140 Hektar Land genutzt. Diese riesigen Flächen bieten keinen Lebensraum. Es fehlen Hecken, Blühstreifen oder Kleinstrukturen, die als Rückzugsort, Nistplatz oder Nahrungsquelle dienen könnten. Die intensive Bewirtschaftung mit Pestiziden und Düngemitteln vernichtet zudem die wenigen Wildkräuter, die sich am Feldrand ansiedeln könnten, und belastet die umliegenden Ökosysteme.
Das Resultat ist eine verarmte Landschaft, die das Artensterben beschleunigt. Paradoxerweise erhöht diese Einfalt sogar das Risiko für die Landwirtschaft selbst. Markus Fischer, IPBES-Experte an der Universität Bern, warnt: „Je monotoner die Natur, desto grösser ist das Risiko, dass sich in der Landwirtschaft Schädlinge ausbreiten“. In einem vielfältigen Agrar-Ökosystem halten sich Schädlinge und Nützlinge die Waage. In einer Monokultur hingegen kann ein einziger Schädling explodieren und immense Schäden anrichten, was wiederum einen stärkeren Pestizideinsatz erfordert – ein Teufelskreis.
Warum ist der Erhalt der „ProSpecieRara“-Tomate wichtig für die Zukunft?
Während Monokulturen die Vielfalt ausrotten, gibt es eine Gegenbewegung, die sie aktiv fördert: der Erhalt alter Obst- und Gemüsesorten. Die Stiftung ProSpecieRara ist in der Schweiz das Aushängeschild dieser Mission. Doch warum ist es so entscheidend, eine alte Tomatensorte wie die ‚Berner Rose‘ zu bewahren, wenn es im Supermarkt Dutzende moderne Hybridsorten gibt? Die Antwort liegt in der genetischen Vielfalt, unserer Versicherung für die Zukunft.
Moderne Sorten sind meist auf wenige Merkmale optimiert: hoher Ertrag, gleichmässige Grösse, lange Haltbarkeit. Alte Sorten hingegen sind das Ergebnis jahrhundertelanger Anpassung an lokale Bedingungen. Sie tragen ein riesiges genetisches Erbe in sich. Einige sind besonders trockenresistent, andere widerstandsfähig gegen bestimmte Krankheiten oder Schädlinge. In Zeiten des Klimawandels ist dieser genetische Pool unbezahlbar. Er liefert die Bausteine für die Züchtung zukünftiger Sorten, die mit extremerem Wetter zurechtkommen müssen. Ein gutes Beispiel ist der Anbau von Bio-Zuckerrüben, die 2024 einen Flächenzuwachs von 37% verzeichneten und das Potenzial alter, widerstandsfähiger Sorten unterstreichen.
Jedes Mal, wenn Sie ein ProSpecieRara-Produkt kaufen, senden Sie ein starkes Signal an den Markt. Sie zeigen Bauern und Händlern, dass es eine Nachfrage nach Vielfalt gibt und es sich lohnt, diese seltenen Schätze anzubauen. Sie finanzieren damit direkt den Erhalt eines lebendigen Kulturerbes und stärken die Resilienz unserer Landwirtschaft. Es ist ein kleiner Akt mit einer grossen, systemischen Wirkung, der weit über den Geschmack einer besonderen Tomate hinausgeht.
Ihre Checkliste: Alte Sorten aktiv fördern
- Gezielt nach ProSpecieRara-Produkten in Coop-Filialen suchen – diese sind am speziellen Label klar erkennbar.
- Lokale Wochenmärkte besuchen und die Produzenten direkt nach alten, traditionellen Sorten fragen, auch wenn diese kein Label tragen.
- Verarbeitete Produkte wie Konfitüren, Saucen oder Pestos aus alten Sorten wählen, um die gesamte Wertschöpfungskette zu unterstützen.
- Für den eigenen Garten oder Balkon Saatgut und Setzlinge alter Sorten direkt über ProSpecieRara oder spezialisierte Gärtnereien beziehen.
- Restaurants und Hofläden unterstützen und honorieren, die bewusst alte Sorten auf ihre Speisekarte setzen und damit als Botschafter agieren.
Wie fördert das Weiderind auf der Alp die Blumenvielfalt, während Soja-Futter sie zerstört?
Die Debatte um den Fleischkonsum ist oft polarisiert. Doch pauschale Urteile wie „Fleisch ist schlecht für die Umwelt“ ignorieren eine entscheidende Schweizer Realität: die Alpwirtschaft. Die Art und Weise, wie ein Tier gehalten und gefüttert wird, hat fundamental unterschiedliche Auswirkungen auf die Biodiversität. Ein Weiderind, das den Sommer auf einer Schweizer Alp verbringt, ist ein aktiver Landschaftsgärtner. Im Gegensatz dazu steht die intensive Tierhaltung, die auf importiertem Kraftfutter basiert.
In der Schweiz sind rund 70 Prozent des Kulturlands Weiden und Wiesen, die oft für den Ackerbau ungeeignet sind. Die traditionelle Beweidung dieser Flächen ist essenziell für den Erhalt der Artenvielfalt. Wie in einem Bericht des Sustainable Development Solutions Network (SDSN) Schweiz betont wird, verhindert das Grasen der Tiere die Verbuschung und Verwaldung dieser Flächen. Ohne die Rinder, Schafe und Ziegen würden die blumenreichen Alpwiesen verschwinden und mit ihnen unzählige spezialisierte Insekten- und Vogelarten. Das Weiderind verwandelt für den Menschen unverdauliches Gras in wertvolle Lebensmittel und erhält dabei ein einzigartiges Ökosystem.
Die traditionelle Alpbeweidung trägt wesentlich zum Erhalt der einzigartigen Biodiversität bei – ohne Beweidung würden diese Flächen verbuschen und ihre Artenvielfalt verlieren. Der Bund unterstützt dies durch Sömmerungsbeiträge als wichtiges politisches Instrument.
– SDSN Schweiz, Leitfaden für eine zukunftsfähige Ernährung
Der Kontrast zur Soja-basierten Fütterung könnte nicht grösser sein. Für den Anbau von Soja als Tierfutter werden in anderen Teilen der Welt oft wertvolle Regenwälder und Savannen zerstört – Hotspots der globalen Biodiversität. Der Transport über tausende Kilometer verursacht zusätzlich CO2-Emissionen. Wenn Sie also Fleisch oder Käse von einem Tier kaufen, das auf einer Schweizer Wiese gegrast hat, unterstützen Sie die lokale Artenvielfalt. Kaufen Sie hingegen ein Produkt aus intensiver Haltung mit importiertem Futter, tragen Sie indirekt zur Zerstörung von Lebensräumen an einem anderen Ort bei. Die Wahl liegt in Ihrem Warenkorb.
Was können Sie anpflanzen, um auch in der Stadt Biodiversität zu fördern?
Der Schutz der Artenvielfalt ist keine Aufgabe, die nur auf dem Land stattfindet. Auch mitten in Zürich, Genf oder Bern können Sie wertvolle Oasen für die Natur schaffen. Ihr Balkon, Ihr Fenstersims oder Ihr kleiner Garten kann zu einem Trittstein-Biotop im urbanen Raum werden – einem wichtigen Bindeglied zwischen grösseren Grünflächen. Der Schlüssel liegt darin, die richtigen Pflanzen zu wählen und kleine Strukturen anzubieten.
Vergessen Sie Geranien und Petunien. Diese Zuchtformen sind für die meisten heimischen Insekten wertlos, da sie kaum Pollen oder Nektar bieten. Setzen Sie stattdessen auf einheimische Wildpflanzen. Eine Wilde Malve, ein Natternkopf oder eine Glockenblume sind nicht nur wunderschön, sondern auch perfekt an die Bedürfnisse unserer Wildbienen und Schmetterlinge angepasst. Viele dieser Pflanzen sind robust und kommen mit den Bedingungen auf einem Balkon gut zurecht. Sie schaffen damit eine kleine, aber lebenswichtige Tankstelle für Bestäuber auf ihrem Weg durch die Stadt.

Doch es geht nicht nur um Nahrung. Mit einfachen Mitteln können Sie auch Nistplätze und Lebensräume schaffen. Ein kleiner Haufen Totholz in einer Ecke, eine flache Schale mit Wasser und einigen Steinen als Insektentränke oder eine kleine Fläche mit Sand für erdnistende Wildbienen – all das macht Ihren Balkon zu einem wertvollen Mikro-Habitat. Jeder Quadratmeter zählt. Hier sind einige konkrete Massnahmen:
- Pflanzen Sie einheimische Schweizer Wildstauden wie die Wilde Malve, die an städtische Bedingungen angepasst sind.
- Legen Sie einen kleinen Totholzhaufen in einer Kiste oder Ecke als Unterschlupf und Nistplatz für Wildbienen an.
- Stellen Sie eine flache Wasserschale mit Murmeln oder Steinen als sichere Tränke für Insekten auf.
- Bieten Sie einen kleinen Haufen Sand in einem Topf an, der von vielen Wildbienenarten zum Nisten genutzt wird.
- Suchen Sie gezielt nach Gärtnereien, die auf einheimische Wildpflanzen spezialisiert sind, um sicherzustellen, dass Sie die richtigen Arten für Ihre Region erhalten.
Helfen Sie der Natur wirklich, wenn Sie Honig vom Imker kaufen?
Der Kauf von lokalem Honig fühlt sich wie eine gute Tat an. Man unterstützt einen Imker aus der Nachbarschaft und hilft scheinbar den Bienen. Doch die Realität ist komplizierter. Wenn wir über das „Bienensterben“ sprechen, meinen wir meist das Verschwinden der Wildbienen, nicht der Honigbiene. Die Honigbiene ist ein domestiziertes Nutztier, ähnlich wie ein Rind oder ein Huhn. Sie ist nicht vom Aussterben bedroht.
In der Schweiz gibt es neben der Honigbiene jedoch über 600 verschiedene Wildbienenarten. Viele von ihnen sind hochspezialisiert und vom Aussterben bedroht. Das Problem: Honigbienen und Wildbienen konkurrieren um dieselbe Nahrung – Pollen und Nektar. Ein einziges Honigbienenvolk kann aus bis zu 50.000 Tieren bestehen. Wenn ein Grossimker Dutzende oder gar Hunderte Völker an einem Ort aufstellt, kann das für die lokale Wildbienenpopulation zu einer massiven Nahrungskonkurrenz führen. Die Honigbienen, als hocheffiziente Generalisten, räumen die Blüten ab, bevor die oft kleineren und spezialisierteren Wildbienen eine Chance haben.
Heisst das, man sollte gar keinen Honig mehr kaufen? Nein. Aber es bedeutet, dass wir differenzieren müssen. Der kleine Quartier-Imker mit wenigen Völkern ist oft ein wichtiger Botschafter für Bestäubungsthemen. Er kann lokale Probleme wie Pestizidbelastungen oder Blütenmangel beobachten und darauf aufmerksam machen. Seine wenigen Völker sind meist gut in das lokale Ökosystem integriert. Ein industrieller Grossimker hingegen, dessen Hauptziel die maximale Honigproduktion ist, kann lokal das ökologische Gleichgewicht stören.
Der folgende Vergleich verdeutlicht die unterschiedliche Wirkung auf die Biodiversität:
| Aspekt | Grossimker | Quartier-Imker |
|---|---|---|
| Anzahl Bienenvölker | 50-500+ Völker | 3-10 Völker |
| Konkurrenz für Wildbienen | Hoch – massive Nahrungskonkurrenz | Gering – lokale Integration |
| Funktion für Biodiversität | Primär kommerzielle Honigproduktion | Botschafter für Bestäubungsthemen |
| Umweltbeobachtung | Fokus auf grossflächige Trends | Erkennt lokale Pestizidbelastung und Blütenmangel |
| Empfehlung | Mit Vorsicht und bewusst konsumieren | Aktiv unterstützen und den Dialog suchen |
Nützlinge statt Gift: Wie schützen Bio-Bauern ihre Ernte ohne Chemie?
Der Verzicht auf chemisch-synthetische Pestizide ist ein zentraler Pfeiler des Biolandbaus. Doch wie schützen Bio-Bauern ihre Ernte vor Schädlingen? Die Antwort liegt in einem intelligenten Zusammenspiel aus gezielter Förderung und dem Einsatz von natürlichen Gegenspielern, den sogenannten Nützlingen. Anstatt mit der Giftspritze gegen einen Schädling vorzugehen und dabei unzählige andere Insekten zu töten, schafft der Biolandbau ein robustes Ökosystem, das sich selbst reguliert.
Ein faszinierendes Beispiel aus dem Schweizer Obstbau ist der Einsatz von Schlupfwespen gegen den Apfelwickler, einen der grössten Schädlinge. Firmen wie Andermatt Biocontrol haben sich auf die Zucht dieser winzigen Nützlinge spezialisiert. Die freigesetzten Schlupfwespen parasitieren gezielt die Eier des Apfelwicklers und verhindern so dessen Vermehrung – eine hochpräzise und biologische Waffe. Doch das ist nur die halbe Miete. Die wahre Stärke des Systems liegt in der Gestaltung des Lebensraums.
Je monotoner die Natur, desto grösser ist das Risiko, dass sich in der Landwirtschaft Schädlinge ausbreiten.
– Markus Fischer, Universität Bern
Genau hier setzt die Philosophie von Bio Suisse an. Knospe-Bauern sind verpflichtet, aktive Lebensräume für Nützlinge zu schaffen. Hecken, Asthaufen, Blühstreifen und Tümpel dienen als „Wohnung und Kantine“ für eine Armee von Helfern: Marienkäfer, die Blattläuse fressen, Florfliegen, deren Larven ganze Schädlingskolonien vertilgen, und Vögel, die Raupen von den Blättern picken. Forschungen von Agroscope belegen, dass diese Biodiversitätsförderflächen die Nützlingspopulationen signifikant erhöhen. Anstatt ein Problem chemisch zu bekämpfen, verhindert der Bio-Bauer durch die Förderung der Vielfalt, dass es überhaupt zu einem grossen Problem wird. Er arbeitet mit der Natur, nicht gegen sie.
Das Wichtigste in Kürze
- Jeder Einkauf ist eine Wahl: Sie entscheiden, ob Sie artenfeindliche Monokulturen oder vielfältige Agrar-Ökosysteme unterstützen.
- Schweizer Besonderheiten nutzen: Der Kauf von ProSpecieRara-Produkten und Fleisch aus alpiner Weidehaltung fördert direkt die lokale Arten- und Sortenvielfalt.
- Das Bio-Knospe-Label ist der Goldstandard: Mit der 7%-Regel für Biodiversitätsflächen und dem Verbot von Flugtransporten übertrifft es die EU-Bio-Anforderungen bei weitem.
Die 7%-Regel: Warum muss jeder Knospe-Bauer Platz für die Natur lassen?
Was das Schweizer Bio-Knospe-Label so besonders und wirkungsvoll für die Artenvielfalt macht, lässt sich in einer Zahl zusammenfassen: Sieben. Jeder Landwirt, der nach den Richtlinien von Bio Suisse arbeitet, muss mindestens 7% seiner gesamten Betriebsfläche als Biodiversitätsförderfläche (BFF) ausweisen. Das ist keine Empfehlung, sondern eine verbindliche Vorschrift. Diese Flächen sind reservierter Raum für die Natur – Blumenwiesen, Hecken, Hochstamm-Obstgärten oder Teiche.
Diese 7%-Regel ist ein fundamentaler Unterschied zu vielen anderen Labels und sogar zur staatlichen Agrarpolitik. Während für den Erhalt von Direktzahlungen ebenfalls 7% BFF vorgeschrieben sind, zeigen Daten, dass Schweizer Bauernhöfe im Durchschnitt zwar 19 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche als solche deklarieren, die Qualität dieser Flächen jedoch oft mangelhaft ist. Bio Suisse geht einen Schritt weiter: Es geht nicht nur um Quantität, sondern vor allem um die Qualität und Vernetzung dieser Lebensräume. Ein isolierter Grasstreifen nützt wenig. Eine Hecke, die eine Blumenwiese mit einem kleinen Teich verbindet, schafft hingegen wertvolle Korridore für Tiere.

Die Wirksamkeit dieses Ansatzes wurde eindrücklich belegt. Ein grosses Förderprojekt von Bio Suisse, an dem zwischen 2013 und 2015 rund 1300 Knospe-Betriebe teilnahmen, zeigte erstaunliche Resultate: Auf den teilnehmenden Betrieben wurden 20% mehr Arten und sogar 40% mehr Individuen gezählt. Die Qualität der BFF nahm signifikant zu. Diese 7% sind also mehr als nur eine Regel; sie sind das Herzstück der Knospe-Philosophie, die anerkennt, dass Landwirtschaft nicht von der Natur getrennt existieren kann. Sie ist ein integraler Bestandteil davon. Wenn Sie ein Knospe-Produkt kaufen, finanzieren Sie direkt diese 7% Lebensraum mit.
Bio-Knospe vs. EU-Bio: Warum ist der Schweizer Standard so viel strenger?
Für Konsumenten ist es oft schwierig, den Dschungel der Bio-Labels zu durchschauen. Doch wenn es um die Förderung der Biodiversität geht, gibt es einen klaren Spitzenreiter: das Schweizer Bio-Knospe-Label. Es ist weitaus mehr als nur eine Schweizer Version des EU-Bio-Siegels; es verkörpert eine ganzheitlichere und strengere Philosophie. Während der Anteil der biologisch bewirtschafteten Nutzfläche in der Schweiz stetig wächst und 2024 bereits 18,2 Prozent der Schweizer Nutzfläche erreichte, ist die Wahl des richtigen Labels entscheidend.
Der wohl wichtigste Unterschied ist die bereits erwähnte 7%-Regel für Biodiversitätsflächen, die im EU-Bio-Standard schlicht nicht existiert. Doch die Unterschiede gehen viel tiefer. Ein weiterer zentraler Punkt ist das Prinzip der Ganzbetrieblichkeit. Ein Knospe-Betrieb muss zu 100% biologisch wirtschaften. Eine Teilumstellung, bei der ein Bauer auf einem Feld Bio-Karotten anbaut und auf dem Feld daneben konventionellen Weizen mit Pestiziden spritzt, ist verboten. Dies verhindert eine Verschleppung von Schadstoffen und stellt sicher, dass die gesamte Betriebsführung einer ökologischen Logik folgt. Bei EU-Bio ist eine solche Teilumstellung erlaubt.
Auch bei globalen Aspekten setzt die Knospe strengere Massstäbe. Flugtransporte für importierte Bio-Produkte sind tabu, um den CO2-Fussabdruck gering zu halten – bei EU-Bio sind sie erlaubt. Die Vorschriften für das Tierwohl sind ebenfalls strenger und gehen über die gesetzlichen Mindeststandards hinaus. Die Entscheidung für ein Knospe-Produkt ist also eine Entscheidung für den strengsten und konsequentesten Bio-Standard. Der folgende Vergleich macht die wichtigsten Unterschiede deutlich:
| Kriterium | Bio Suisse Knospe | EU-Bio |
|---|---|---|
| Biodiversitätsflächen | Mind. 7% der Betriebsfläche | Keine Vorgabe |
| Ganzbetrieblichkeit | 100% Bio erforderlich | Teilumstellung möglich |
| Flugtransporte | Verboten | Erlaubt |
| Tierwohl-Vorschriften | Strengere Auflagen | EU-Mindeststandard |
| Kontrolldichte | Jährlich + unangemeldet | Jährlich angekündigt |
Ihr Einkauf ist mächtiger, als Sie vielleicht denken. Indem Sie bewusst Produkte wählen, die aus vielfältigen, resilienten und lokalen Agrar-Ökosystemen stammen, werden Sie vom passiven Konsumenten zum aktiven Gestalter einer lebendigen Landschaft. Achten Sie auf die Knospe, fragen Sie nach der Geschichte hinter Ihrem Essen und machen Sie Ihren Warenkorb zum wirksamsten Werkzeug für die Artenvielfalt in der Schweiz.