
Die Debatte über die «perfekte» Rösti ist nicht nur eine Frage des Geschmacks, sondern ein Symptom für einen viel grösseren Verlust: unser praktisches Wissen über Lebensmittel.
- Wahre Kochgeheimnisse sind kein geschriebenes Rezept, sondern implizites Wissen, das durch Vormachen weitergegeben wird.
- Der Verlust alter Rezepte führt direkt zum Verlust landwirtschaftlicher Biodiversität, wie etwa seltener Kartoffelsorten.
- Ritualisierte Saisonalität, wie beim Dreikönigskuchen, schafft einen kulturellen und ökonomischen Wert, den ständige Verfügbarkeit zerstört.
Empfehlung: Um unser kulinarisches Erbe zu bewahren, müssen wir diese Gerichte kochen, gezielt nach alten Sorten suchen und die verschwindenden Techniken aktiv praktizieren.
Das leise Zischen der Kartoffeln in der heissen Bratpfanne, der Duft von geschmolzenem Käse, der sich im Raum ausbreitet – diese sinnlichen Erinnerungen sind tief in unserer Schweizer Identität verankert. Wir alle kennen die hitzigen Diskussionen am Familientisch: Gehören rohe oder gekochte Kartoffeln in die Rösti? Ist die Zürcher Variante mit ihren feinen Streifen der Berner mit ihren rustikalen Stücken überlegen? Diese Debatten sind mehr als nur kulinarische Folklore. Sie sind ein Echo einer Zeit, in der Essen nicht nur Nahrungsaufnahme, sondern ein komplexes System aus Wissen, Tradition und Gemeinschaft war.
Viele glauben, die Rettung von Grossmutters Küche liege allein im Sammeln alter Kochbücher. Doch die Wahrheit ist komplexer. Die wichtigsten Geheimnisse wurden nie aufgeschrieben. Sie wurden gezeigt, gefühlt und geschmeckt. Während wir uns auf die scheinbar einfachen Anleitungen konzentrieren, übersehen wir das Fundament, auf dem sie ruhen: das Wissen um die richtige Kartoffelsorte, die Geduld für einen reifen Sauerteig und das Verständnis für die Rhythmen der Natur. Doch was, wenn die wahre Gefahr für unsere Esskultur nicht das Vergessen der Rezepte ist, sondern der Verlust des impliziten Wissens, das sie überhaupt erst möglich gemacht hat?
Dieser Artikel geht über die blosse Nostalgie hinaus. Wir werden untersuchen, warum das unsichtbare Wissen hinter den Rezepten entscheidend ist, wie der Streit um die Rösti mit der Artenvielfalt auf unseren Feldern zusammenhängt und was wir verlieren, wenn ein saisonales Gebäck wie der Dreikönigskuchen plötzlich das ganze Jahr verfügbar ist. Es ist eine Reise zu den Wurzeln unseres Geschmacks – und ein Plädoyer dafür, nicht nur Rezepte, sondern das ganze Ökosystem des Wissens dahinter zu retten.
Die folgenden Abschnitte beleuchten die verschiedenen Facetten dieses schleichenden Verlusts und zeigen konkrete Wege auf, wie wir dieses wertvolle Erbe für die Zukunft bewahren können. Tauchen Sie mit uns ein in eine Welt, in der Kochen mehr war als das Befolgen einer Anleitung.
Inhaltsverzeichnis: Die Rettung des kulinarischen Wissens der Schweiz
- Warum steht das wichtigste Geheimnis nie im Kochbuch, sondern wird gezeigt?
- Zürcher oder Berner Art: Warum streiten wir uns über die richtige Kartoffel-Schnittart?
- Fermentieren und Räuchern: Wie machen Sie Lebensmittel haltbar wie vor 100 Jahren?
- Wie hielt das Sonntagsessen früher die Grossfamilie zusammen?
- Wie kochen Sie Cholera (Walliser Gemüsekuchen) leichter und gesünder?
- Wann ist Ihr Sauerteig reif: Die Geduldsprobe für das perfekte Urkornbrot
- Warum gibt es den Dreikönigskuchen nur im Januar und was geht verloren, wenn er immer da ist?
- Capuns, Fondue & Co: Wie kochen Sie Schweizer Klassiker leichter und gesünder?
Warum steht das wichtigste Geheimnis nie im Kochbuch, sondern wird gezeigt?
Ein altes Kochbuch mag die Zutaten für eine perfekte Rösti auflisten: Kartoffeln, Butter, Salz. Doch es verschweigt das Entscheidende. Es verrät nicht, wie sich der rohe Kartoffelteig unter den Händen anfühlen muss, welches leise Zischen in der Pfanne den idealen Bräunungsgrad ankündigt oder wie der spezifische Duft einer bestimmten Kartoffelsorte das Gericht veredelt. Dieses Wissen ist implizites Wissen – eine Form von Kenntnis, die durch Beobachtung, Nachahmung und jahrelange Praxis erworben wird, nicht durch das Lesen einer Anleitung. Es ist das Wissen der Hände, der Nase und der Ohren, das von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird.
Die moderne Küche, die auf standardisierte Zutaten und exakte Zeitangaben setzt, hat uns dieses intuitive Verständnis abtrainiert. Wir vertrauen dem Timer mehr als unserem Geruchssinn. Doch gerade dieses implizite Wissen ist der Schlüssel zur Bewahrung der kulinarischen Vielfalt. Es ist kein Zufall, dass laut ProSpecieRara über 60 traditionelle Kartoffelsorten in der Schweiz nur durch die praktische Weitergabe von Wissen durch Landwirte und Köche erhalten bleiben. Sie wissen, welche Sorte für welches Gericht die beste Textur liefert – ein Wissen, das kein Supermarkt-Label vermitteln kann.
Diese sinnliche Erfahrung ist unersetzlich. Ein Bio-Bauer aus dem Kanton Bern beschrieb seinen «Aha-Moment», als er beim Raclette-Essen die alten ProSpecieRara-Sorten ‚Baselbieter Müsli‘ und ‚Parli‘ probierte. Er nannte sie eine «Geschmacksexplosion wie vor 40 Jahren» – aromatisch, erdig, eine Erfahrung, die weit über das hinausging, was er von modernen, ertragsoptimierten Sorten kannte. Dieser Moment offenbart, was verloren geht: nicht nur ein Rezept, sondern die Fähigkeit, Qualität sensorisch zu erkennen und wertzuschätzen. Die Rettung unserer Esskultur beginnt daher nicht im Bücherregal, sondern am Herd, beim gemeinsamen Kochen und Vormachen.
Zürcher oder Berner Art: Warum streiten wir uns über die richtige Kartoffel-Schnittart?
Der «Röstigraben» ist wohl die bekannteste kulinarische Trennlinie der Schweiz. Doch der Streit, ob die Kartoffeln roh (Berner Art) oder gekocht (Zürcher Art), grob oder fein gerieben werden sollen, ist weit mehr als eine regionale Marotte. Er ist ein lebendiges Zeugnis für eine tief verwurzelte landwirtschaftliche und kulturelle Geschichte. Die unterschiedlichen Zubereitungsarten entwickelten sich nicht aus einer Laune heraus, sondern waren eine direkte Antwort auf die verfügbaren Kartoffelsorten in den jeweiligen Regionen.
Die Berner Methode mit rohen, grob geriebenen Kartoffeln funktioniert am besten mit festkochenden, stärkearmen Sorten, die beim Braten ihre Form behalten und aussen knusprig, innen aber saftig bleiben. Die Zürcher Variante mit gekochten Kartoffeln hingegen war oft eine praktische Lösung für mehlig kochende Sorten, die roh gerieben zu einem breiigen Ergebnis führen würden. Der «Röstigraben» ist also auch ein Spiegel der Sortenvielfalt, die einst die Schweizer Landwirtschaft prägte.

Heute, im Zeitalter der ganzjährig verfügbaren Einheitssorte aus dem Supermarkt, erscheint diese Debatte fast absurd. Doch sie erinnert uns daran, dass Rezepte einst untrennbar mit dem Terroir und der lokalen Biodiversität verbunden waren. ProSpecieRara dokumentiert, dass mehr als 50 verschiedene Kartoffelsorten regional verankert sind und zur Bewahrung der Identität gepflegt werden. Jede Sorte hatte ihre spezifische Verwendung – eine für Gschwellti, eine für Gratin, eine für die perfekte Rösti. Der Streit um die richtige Zubereitung ist also im Kern ein Kampf um die Erinnerung an diese Vielfalt und die Anerkennung, dass es nicht das *eine* richtige Rezept gibt, sondern viele richtige, die vom Wissen um die richtige Zutat abhängen.
Fermentieren und Räuchern: Wie machen Sie Lebensmittel haltbar wie vor 100 Jahren?
Lange bevor Kühlschränke und Tiefkühltruhen in jede Schweizer Küche Einzug hielten, waren Fermentieren, Räuchern, Salzen und Trocknen überlebenswichtige Technologien. Diese Methoden waren keine romantische Liebhaberei, sondern hochentwickelte, an das raue Klima der Alpen angepasste Verfahren, um die Ernte des Sommers über den langen Winter zu bringen. Sie basierten auf genauer Beobachtung, physikalischen Prinzipien und einem tiefen Verständnis für mikrobielle Prozesse. Dieses Wissen ermöglichte nicht nur das Überleben, sondern schuf auch einige der ikonischsten Produkte unserer kulinarischen Landschaft, von Bündnerfleisch über Sauerkraut bis hin zu Alpkäse.
Heute erleben diese traditionellen Konservierungsmethoden eine Renaissance. Sie sind nicht nur nachhaltig, da sie wenig bis keine Energie benötigen, sondern sie erzeugen auch eine unvergleichliche Geschmackstiefe und Komplexität, die industriell verarbeitete Lebensmittel nicht erreichen können. Zudem fördert die Fermentation gesunde Darmbakterien und macht Nährstoffe besser verfügbar. Das Wiedererlernen dieser Techniken ist ein direkter Weg, sich mit den Rhythmen der Natur zu verbinden und die Kontrolle über die eigenen Lebensmittel zurückzugewinnen.
Die Anwendung dieser alten Methoden erfordert sensorische Geduld und Sorgfalt, belohnt aber mit authentischen und haltbaren Produkten. Es ist eine Rückbesinnung auf eine Zeit, in der Wertschöpfung durch handwerkliches Können und Zeit stattfand, nicht durch industrielle Geschwindigkeit.
Ihr Aktionsplan: Lebensmittel haltbar machen wie in den Bergen
- Kartoffellagerung prüfen: Lagern Sie Ihre Kartoffeln in einem kühlen, dunklen Keller bei konstanter Temperatur, um Keimung zu verhindern – eine bewährte Methode aus Schweizer Bergdörfern.
- Sauerkraut ansetzen: Fermentieren Sie Weisskohl mit Salz in einem traditionellen Steintopf. Kontrollieren Sie den Prozess sensorisch (Geruch, Geschmack) statt nur nach Kalender.
- Fleisch trocknen: Nutzen Sie die trockene Winterluft zum Lufttrocknen von Fleisch, wie es für Bündnerfleisch praktiziert wird. Achten Sie auf konstante Luftzirkulation.
- Käse reifen lassen: Wenn Sie Zugang haben, experimentieren Sie mit der Reifung von Käse in einem Naturkeller, um die typische Geschmacksentwicklung wie in Appenzeller Höhlen zu fördern.
- Gemüse einlegen: Legen Sie überschüssiges Gartengemüse in Essig oder Salzlake ein, um es für die kalte Jahreszeit zu konservieren.
Wie hielt das Sonntagsessen früher die Grossfamilie zusammen?
Das Sonntagsessen war früher mehr als nur eine Mahlzeit; es war ein zentrales soziales Ritual. Über Generationen hinweg war es der Ankerpunkt der Woche, an dem sich die Grossfamilie versammelte, Neuigkeiten ausgetauscht und der soziale Zusammenhalt gestärkt wurde. Im Zentrum dieses Rituals stand oft ein besonderes Gericht – der Sonntagsbraten, ein aufwendiger Kuchen oder ein Gratin –, dessen Zubereitung Zeit und Mühe kostete und oft gemeinschaftlich erfolgte. Diese Gerichte waren nicht alltäglich und trugen dadurch eine besondere Bedeutung. Sie waren ein Symbol für Wohlstand, Fürsorge und die Wichtigkeit des Zusammenseins.
Die Speisen selbst wurden zu Trägern von Erinnerung und Identität. Der Geschmack eines bestimmten Gerichts konnte ganze Lebensgeschichten heraufbeschwören. Dies wird besonders deutlich in einem berührenden Zeugnis über alte Kartoffelsorten: Ältere Damen bekamen beim Anblick der Sorte ‚Ackersegen‘ in einem Kartoffelzelt Tränen in die Augen. Sie erinnerten sich, dass diese Kartoffel während der Kriegszeiten ein überlebenswichtiges Grundnahrungsmittel war – eine Sorte, die heute fast verschwunden ist. Das Essen wurde so zu einem emotionalen Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zu einem Katalysator für kollektive Erinnerung.
Moderne Interpretation: Der Bio-Hof als Familientreffpunkt
Dass dieses Prinzip auch heute noch funktioniert, zeigt das Beispiel des Hofguts Obere Wanne, das von Dieter Weber und Nadia Graber in der siebten Generation geführt wird. Durch die Wiederbelebung alter Traditionen haben sie ihren Hof in einen modernen Treffpunkt für Familien verwandelt. Der jährliche Setzlingsmarkt mit ProSpecieRara-Jungpflanzen, das Maislabyrinth und das Angebot an vielfältigen Kartoffelraritäten ziehen Besucher an und schaffen neue gemeinsame Erlebnisse rund um ursprüngliche Lebensmittel. Der Hof wird so zum neuen Ort des Sonntagsausflugs, an dem Wissen geteilt und Gemeinschaft gelebt wird.
In einer Zeit, in der Familienstrukturen lockerer und Essgewohnheiten individualisierter werden, geht mit dem Verschwinden des traditionellen Sonntagsessens auch ein wichtiger sozialer Kitt verloren. Die Wiederbelebung dieses Rituals, vielleicht in einer moderneren Form, ist ein Weg, nicht nur alte Rezepte, sondern auch den familiären Zusammenhalt zu stärken.
Wie kochen Sie Cholera (Walliser Gemüsekuchen) leichter und gesünder?
Der Name «Cholera» klingt martialisch, doch die Geschichte dahinter ist eine des Einfallsreichtums. Der Legende nach entstand dieser deftige Walliser Gemüsekuchen während einer Cholera-Epidemie im 19. Jahrhundert, als die Menschen das Haus nicht verlassen konnten und aus den Zutaten kochten, die der Keller und der Speicher hergaben: Kartoffeln, Lauch, Äpfel, Zwiebeln und Käse. Traditionell ist die Cholera ein sehr nahrhaftes, schweres Gericht – perfekt für harte Arbeit in den Bergen, aber für den modernen Alltag oft zu üppig.
Einen Klassiker wie die Cholera gesünder zu interpretieren, bedeutet jedoch nicht, seinen Charakter zu verraten. Der Schlüssel liegt nicht im Weglassen, sondern im bewussten Auswählen und Austauschen der Zutaten. Statt eines schweren Mürbeteigs mit viel Butter kann ein Vollkornteig mit hochwertigem Öl verwendet werden. Anstelle von ausschliesslich vollfettem Raclettekäse kann ein Teil durch einen jüngeren, leichteren Bergkäse ersetzt werden, der dennoch viel Aroma mitbringt. Die wichtigste Stellschraube ist jedoch die Wahl der Kartoffel und der Gemüseanteil.

Die Verwendung von alten, geschmacksintensiven ProSpecieRara-Sorten wie der festkochenden ‚Parli‘ anstelle von wässrigen Industriesorten erlaubt es, mit weniger Fett mehr Geschmack zu erzielen. Eine Erhöhung des Gemüseanteils auf Kosten des Teiges macht das Gericht ebenfalls leichter und reicher an Nährstoffen, wie eine vergleichende Analyse der Zutaten nahelegt.
| Zutat | Traditionell | Leichte Variante | Potenzielle Kalorieneinsparung |
|---|---|---|---|
| Kartoffelsorte | Mehligkochende lokale Sorte | ProSpecieRara ‚Parli‘ (festkochend) | -15% |
| Käse | Vollfetter Raclette AOP | Jüngerer Walliser Bergkäse | -25% |
| Teig | Weisser Mürbeteig mit Butter | Vollkorn mit Olivenöl | -20% |
| Gemüseanteil | 30% | 50% | -30% |
Wann ist Ihr Sauerteig reif: Die Geduldsprobe für das perfekte Urkornbrot
Ein Sauerteigbrot aus Urkorn wie Einkorn oder Emmer zu backen, ist die ultimative Übung in Entschleunigung. Anders als bei industrieller Hefe gibt es hier keinen exakten Zeitplan. Der Sauerteig, ein lebendiges Ökosystem aus Hefen und Bakterien, hat seinen eigenen Rhythmus, der von Temperatur, Luftfeuchtigkeit und der Beschaffenheit des Mehls beeinflusst wird. Ihn zur richtigen Reife zu führen, ist eine Kunst, die sensorische Geduld erfordert – eine Fähigkeit, die in unserer von Timern und Apps gesteuerten Welt fast verloren gegangen ist.
Anstatt auf die Uhr zu schauen, muss der Bäcker lernen, mit allen Sinnen zu arbeiten. Wie riecht der Teig? Ein reifer Sauerteig verströmt einen angenehm säuerlich-fruchtigen Duft, nicht den stechenden Geruch von Essig. Wie fühlt er sich an? Er sollte elastisch und voller Leben sein. Und wie sieht er aus? Die typische Blasenbildung an der Oberfläche und im Inneren sowie eine deutliche Volumenverdopplung sind die klassischen visuellen Indikatoren für die perfekte Reife. Diese Zeichen richtig zu deuten, ist pures Erfahrungswissen.
Die Verwendung von alten Urkorn-Sorten, wie sie von ProSpecieRara erhalten werden, stellt eine zusätzliche Herausforderung dar. Sorten wie Einkorn und Emmer haben andere Backeigenschaften als moderner Hochleistungsweizen. Sie reagieren oft langsamer und benötigen längere Gär- und Ruhezeiten. Gleichzeitig belohnen sie den geduldigen Bäcker mit einer unvergleichlichen Geschmackstiefe, einer nussigen Note und einer besseren Verträglichkeit. Das Backen mit Sauerteig und Urkorn ist somit eine bewusste Entscheidung gegen die industrielle Logik der Effizienz und für die Wiederentdeckung von Geschmack und handwerklichem Können.
Das Wichtigste in Kürze
- Das Verschwinden alter Rezepte ist ein Verlust von implizitem Wissen, das durch Vormachen, nicht durch Aufschreiben, weitergegeben wird.
- Der Streit um regionale Gerichte wie die Rösti spiegelt die historische Vielfalt an Nutzpflanzen wider, deren Verlust unsere kulinarische Identität bedroht.
- Ritualisierte Saisonalität schafft kulturellen und ökonomischen Wert, der durch die ständige Verfügbarkeit von Lebensmitteln zerstört wird.
Warum gibt es den Dreikönigskuchen nur im Januar und was geht verloren, wenn er immer da ist?
Der Dreikönigskuchen ist ein perfektes Beispiel für ritualisierte Saisonalität. Seine strikte Begrenzung auf die Zeit um den 6. Januar verwandelt ein einfaches Hefegebäck in ein kulturelles Ereignis, auf das man sich freut. Die Jagd nach dem kleinen König, der den Finder für einen Tag zum Monarchen macht, schafft ein Gemeinschaftserlebnis und eine liebgewonnene Tradition in Familien und Büros. Würde man den Dreikönigskuchen das ganze Jahr über anbieten, würde er seine Magie verlieren und zu einem beliebigen Gebäck unter vielen degradieren.
Diese künstliche Verknappung ist nicht nur kulturell, sondern auch ökonomisch von enormem Wert. Eine Fallstudie zeigt, dass Schweizer Bäckereien allein im Januar durch den Verkauf des Dreikönigskuchens ein Umsatzplus von bis zu 300% verzeichnen. Die zeitliche Begrenzung steigert die Vorfreude und die Nachfrage explosionsartig. Das Prinzip «Was selten ist, ist wertvoll» funktioniert hier perfekt. Die moderne Lebensmittelindustrie, die auf ständige Verfügbarkeit von allem setzt – Erdbeeren im Winter, Spargel im Herbst –, untergräbt genau diesen Mechanismus der Wertschöpfung.
Diese Logik der Saisonalität ist tief in der traditionellen Landwirtschaft verwurzelt und gilt nicht nur für Feste, sondern auch für die Sortenvielfalt selbst. Wie Béla Bartha, der Geschäftsführer von ProSpecieRara, in einem Interview betonte, ist die Erhaltung unseres kulinarischen Erbes ein aktiver, fortwährender Prozess:
Viele unserer Rassen und Nahrungspflanzen würden ohne tägliche Selektion und Pflege entweder aussterben oder in eine wilde Ursprungsform zurückfallen und ihre angezüchteten Eigenschaften nach und nach verlieren. Unsere Kulturpflanzen brauchen eine ständige Pflege.
– Béla Bartha, ProSpecieRara Geschäftsführer im Interview
Die ständige Verfügbarkeit lässt uns vergessen, dass hinter jedem Lebensmittel ein natürlicher Zyklus und oft jahrhundertelange züchterische Pflege stecken. Der Dreikönigskuchen erinnert uns daran, dass Verzicht und Vorfreude den Genuss erst wirklich wertvoll machen.
Capuns, Fondue & Co: Wie kochen Sie Schweizer Klassiker leichter und gesünder?
Capuns, Fondue, Älplermagronen – viele Schweizer Klassiker sind währschafte, kalorienreiche Gerichte, die für ein Leben mit harter körperlicher Arbeit geschaffen wurden. In unserem heutigen, meist sitzenden Alltag können sie schnell zu schwer im Magen liegen. Der Reflex, diese Gerichte «leichter» zu machen, führt oft in die falsche Richtung: Man ersetzt Butter durch Margarine, Rahm durch eine fettreduzierte Alternative oder verwendet faden Leicht-Käse. Das Ergebnis ist meist ein Gericht, das seinen Charakter und vor allem seinen Geschmack verloren hat.
Der wahre Weg zu einem gesünderen Klassiker führt nicht über industrielle Ersatzprodukte, sondern über eine Rückbesinnung auf Qualität statt Quantität. Ein gut gereifter, aromatischer Alpkäse hat eine so hohe Geschmacksintensität, dass man für ein Fondue oder einen Gratin deutlich weniger davon benötigt als von einem jungen, faden Industriekäse. Studien zeigen sogar, dass traditionelle Schweizer AOP-Käse einen bis zu 40% höheren Nährstoffgehalt haben können, da die Milch von Kühen stammt, die eine vielfältige Kräuterdiät auf der Weide geniessen.
Dieses Prinzip lässt sich auf viele Gerichte anwenden. Ein hochwertiges, luftgetrocknetes Bündnerfleisch für Capuns ist so aromatisch, dass eine kleine Menge genügt. Ein Brot aus langsam fermentiertem Sauerteig sättigt besser und nachhaltiger als ein luftiges Weissbrot. Die moderne, gesunde Interpretation von Grossmutters Küche bedeutet also nicht, Fett und Geschmack zu eliminieren, sondern die besten, ehrlichsten und geschmacksintensivsten Zutaten zu verwenden, die man finden kann. So wird das Gericht nicht nur leichter, sondern oft auch schmackhafter und näher am ursprünglichen Ideal. Es ist eine Hommage an das Produkt selbst und das Wissen, das in seiner Herstellung steckt.
Häufig gestellte Fragen zum kulinarischen Erbe der Schweiz
Wie beeinflusst das Schweizer Wasser den Sauerteig?
Die Wasserhärte spielt eine erhebliche Rolle. Kalkhaltiges Wasser, wie es im Jura vorkommt, puffert die Säure und führt zu einem milderen Sauerteig. Weiches Wasser aus den Alpen hingegen kann die Säurebildung verstärken und zu einem kräftigeren Geschmacksprofil führen.
Welche Urkorn-Sorten eignen sich besonders für Anfänger?
Einkorn und Emmer, insbesondere aus Erhaltungsprogrammen wie von ProSpecieRara, sind geschmacklich hervorragend, aber anspruchsvoller. Sie reagieren langsamer als moderner Weizen und benötigen oft 20-30% längere Gärzeiten. Für den Einstieg kann eine Mischung mit einem guten Bio-Weizenmehl helfen, ein Gefühl für den Teig zu entwickeln.
Woran erkennt man die Reife eines Sauerteigs ohne Messgeräte?
Die traditionelle Methode verlässt sich auf die Sinne: Eine deutliche Volumenverdopplung, eine Oberfläche voller Blasen und ein angenehm säuerlich-fruchtiger Geruch sind die drei wichtigsten Indikatoren. Wenn der Teig nach Essig riecht, ist er bereits überreif.