Veröffentlicht am Mai 12, 2024

Entgegen der landläufigen Meinung ist der Transportweg oft nicht der grösste Klimakiller bei Lebensmitteln; seine Rolle wird systematisch überschätzt.

  • Die Produktionsart (z.B. beheiztes Gewächshaus vs. Freiland) und die Lagerung (z.B. gekühlte Äpfel) verursachen oft ein Vielfaches der CO2-Emissionen des Transports.
  • Die Wahl der Lebensmittel selbst, insbesondere der Wechsel von tierischen zu pflanzlichen Produkten, hat einen wesentlich grösseren Hebel zur CO2-Reduktion als der alleinige Fokus auf Regionalität.

Empfehlung: Bewerten Sie Lebensmittel nach ihrem gesamten „CO2-Rucksack“ – also Saisonalität, Produktions- und Lagerungsintensität – statt sich nur auf die geografische Distanz zu konzentrieren.

Viele umweltbewusste Konsumenten in der Schweiz stehen vor dem Supermarktregal mit einer klaren Absicht: durch den Kauf lokaler Produkte das Klima zu schützen. Der Griff zur Seeländer Karotte statt zur spanischen Alternative fühlt sich intuitiv richtig an. Die landläufige Meinung besagt, dass lange Transportwege der Hauptverursacher für den CO2-Ausstoss unserer Ernährung sind. Dieser Gedanke ist so verbreitet, dass „regional“ fast zum Synonym für „klimafreundlich“ geworden ist.

Doch diese Vereinfachung, so gut sie gemeint ist, greift zu kurz. Sie ignoriert einen grossen Teil der Wahrheit, die sich im unsichtbaren „CO2-Rucksack“ eines Lebensmittels verbirgt. Was, wenn der grösste Teil der Klimaauswirkungen gar nicht auf der Strasse oder in der Luft entsteht, sondern bereits lange vorher auf dem Feld, im Gewächshaus oder im Kühllager? Was, wenn die Energie, die für die Lagerung eines Schweizer Apfels über den Winter benötigt wird, seine Transport-Bilanz in den Schatten stellt? Die Fokussierung allein auf Transportkilometer ist, als würde man ein Buch nur nach seinem Einband beurteilen.

Dieser Artikel bricht mit dem Mythos der Transportdistanz als alleinigem Klimakiller. Wir werden die oft übersehene „graue Energie“ analysieren, die in Produktion und Lagerung steckt, und aufzeigen, wann ein regionales Produkt tatsächlich eine schlechtere Klimabilanz aufweisen kann als ein importiertes. Anhand konkreter Beispiele aus dem Schweizer Alltag entschlüsseln wir die wahren Faktoren, die den CO2-Fussabdruck auf Ihrem Teller bestimmen. Sie werden lernen, informiertere Entscheidungen zu treffen, die über die blosse Herkunftsangabe hinausgehen und eine echte, messbare Wirkung für das Klima entfalten.

Um die komplexen Zusammenhänge zu verstehen, die den CO2-Fussabdruck unserer Ernährung bestimmen, beleuchten wir die entscheidenden Faktoren Schritt für Schritt. Die folgende Gliederung führt Sie durch die oft überraschende Realität hinter den Etiketten.

Warum verursacht der Spargel aus Peru 20-mal mehr CO2 als der aus dem Seeland?

Der Preisunterschied zwischen importiertem Flugspargel und saisonalem Spargel aus dem Seeland ist oft nur gering, doch ihre Klimabilanz klafft dramatisch auseinander. Der Hauptgrund liegt im Transportmittel. Während der regionale Spargel per LKW über wenige Dutzend Kilometer transportiert wird, legt sein peruanischer Konkurrent Tausende von Kilometern per Flugzeug zurück. Der Lufttransport ist die bei weitem klimaschädlichste Art, Lebensmittel zu befördern.

Die Zahlen sind erdrückend: Ein Kilogramm Spargel, das aus Peru eingeflogen wird, belastet die Atmosphäre mit rund 30’000 Gramm CO2. Im Vergleich dazu verursacht der Transport von einem Kilogramm regionalem Spargel aus dem Umland einer Schweizer Stadt nur etwa 19 Gramm CO2. Das ist mehr als das 1500-fache. Selbst wenn man grosszügigere Annahmen für den regionalen Transport trifft, bleibt der Unterschied gewaltig. Die Behauptung, dass Flugspargel eine 20-mal höhere CO2-Belastung hat, ist also eher eine Untertreibung, wenn man den reinen Transport betrachtet.

Dieses extreme Beispiel illustriert eine grundlegende Regel für den klimabewussten Einkauf: Flugtransportierte Lebensmittel sind ein absolutes No-Go. Sie sind leicht an ihrer Herkunft aus Übersee in Kombination mit ihrer Verderblichkeit zu erkennen. Dazu gehören neben Spargel auch grüne Bohnen aus Kenia, Beeren aus Mexiko oder exotische Früchte aus Thailand, die ausserhalb ihrer Saison angeboten werden. Der Verzicht auf diese wenigen, aber extrem schädlichen Produkte ist einer der einfachsten und wirkungsvollsten Hebel, um den CO2-Fussabdruck des eigenen Einkaufs drastisch zu reduzieren.

Der unterschätzte Faktor: Warum verbraucht gekühlte Lagerware mehr Energie als Transport?

Während der Flugtransport ein offensichtlicher Klimakiller ist, lauert eine viel grössere, aber unsichtbare Emissionsquelle in der Lieferkette: die Lagerung. Die meisten Konsumenten fokussieren auf die „Food Miles“, also die zurückgelegten Kilometer. Doch globale Analysen zeichnen ein überraschendes Bild. Der Transport ist für einen erstaunlich kleinen Teil der gesamten Emissionen eines Lebensmittels verantwortlich. Weltweite Studien zeigen, dass im globalen Durchschnitt nur etwa 6% der lebensmittelbedingten Treibhausgasemissionen auf den Transport entfallen.

Woher kommen also die restlichen 94 %? Ein grosser Teil entfällt auf die Produktion selbst, aber auch auf die Verarbeitung und vor allem die Lagerung. Nehmen wir das Beispiel eines Schweizer Apfels, der im Herbst geerntet und im Frühling verkauft wird. Damit er frisch und knackig bleibt, muss er monatelang in speziellen Kühlhäusern unter kontrollierter Atmosphäre gelagert werden. Dieser Prozess ist extrem energieintensiv. Die Kühlung, die Regulierung von Sauerstoff und CO2 – all das verbraucht kontinuierlich Strom, der über Monate hinweg einen beträchtlichen CO2-Rucksack aufbaut.

Die Energie für die monatelange Lagerung kann die Emissionen des einmaligen Transports leicht übersteigen. Hier offenbart sich die „graue Energie“ – jene versteckten Emissionen, die nicht auf dem Etikett stehen. Der scheinbar umweltfreundliche regionale Apfel im Mai hat durch seine Lagerung eine deutlich schlechtere Klimabilanz als derselbe Apfel direkt nach der Ernte im September.

Moderne Apfellagerung in kontrollierten Atmosphäre-Lagern

Wie dieses Bild andeutet, ist die moderne Lagertechnologie ein Wunderwerk der Lebensmittelkonservierung, aber auch ein bedeutender Energieverbraucher. Dies zeigt, dass Saisonalität oft wichtiger ist als Regionalität. Ein saisonales Produkt benötigt keine energieintensive Lagerung und hat daher von Natur aus eine bessere Klimabilanz, selbst wenn es einen etwas längeren Transportweg hatte (solange es nicht geflogen wurde).

Radius 20km oder Landesgrenze: Wann ist „aus der Region“ wirklich ökologisch sinnvoll?

Das Label „aus der Region“ suggeriert Nachhaltigkeit, doch die Definition ist dehnbar und die ökologische Realität komplex. Ist ein Produkt aus dem Nachbardorf automatisch besser als eines aus dem benachbarten Ausland? Nicht zwangsläufig. Der entscheidende Faktor ist oft nicht die Distanz in Kilometern, sondern die Produktions-Intensität. Ein Paradebeispiel hierfür ist die Tomate im Frühling.

Eine im Mai in der Schweiz geerntete Tomate stammt mit grosser Wahrscheinlichkeit aus einem beheizten Gewächshaus. Die Energie, die benötigt wird, um das Gewächshaus auf die richtige Temperatur zu bringen, ist enorm und führt zu hohen CO2-Emissionen. Eine zur gleichen Zeit in Südspanien unter freiem Himmel gereifte Tomate benötigt diese künstliche Wärme nicht. Selbst wenn man den LKW-Transport von Spanien in die Schweiz mit einrechnet, ist die Klimabilanz der spanischen Freilandtomate oft um ein Vielfaches besser als die der beheizten Schweizer Gewächshaustomate. Erst im Hochsommer, wenn auch Schweizer Tomaten im Freiland wachsen, kehrt sich dieses Verhältnis um.

Diese Erkenntnis wird von Experten gestützt. Wie Niels Jungbluth von ESU-Services in einer Analyse für die NZZ betont, ist die Produktionsmethode der dominierende Faktor:

Die Art der Produktion ist meist wichtiger als die Transportdistanzen. Saisonalität ist üblicherweise mit einer vorteilhaften Ökobilanz verbunden.

– Niels Jungbluth, NZZ Analyse zu regionalen Lebensmitteln

Die folgende Tabelle verdeutlicht den massiven Unterschied, den die Produktionsweise ausmacht, und zeigt, wie irreführend ein reiner Fokus auf „regional“ sein kann.

CO2-Bilanz: Vergleich von Tomaten im Mai
Produkt CO2-Emissionen (relativ) Anmerkung
Schweizer Tomate (beheiztes Gewächshaus) Bis zu 10x höher Hoher Energieaufwand für Heizung
Spanische Tomate (Freiland) Referenzwert Natürliche Reifung unter Sonne
Schweizer Tomate (Freiland, Juli-Sep) Niedrigste Emissionen Optimalfall: regional und saisonal

„Aus der Region“ ist also dann am sinnvollsten, wenn es mit „saisonal“ und „extensiver Produktion“ (also z.B. Freiland statt beheiztes Gewächshaus) einhergeht. Eine reine Kilometer-Betrachtung ist zu kurzsichtig und kann zu ökologisch kontraproduktiven Entscheidungen führen.

Wie effizient ist die Lieferung der Gemüsekiste direkt vor Ihre Haustür?

Gemüse-Abos und Lieferdienste von lokalen Bauernhöfen erfreuen sich in der Schweiz grosser Beliebtheit. Sie versprechen Frische, Regionalität und Bequemlichkeit. Doch wie sieht ihre Klimabilanz aus? Ist die direkte Lieferung nach Hause effizienter als der individuelle Einkauf im Hofladen oder auf dem Markt? Die Antwort hängt stark von der Logistik-Effizienz des Anbieters ab.

Ein gut geplanter Lieferservice, der auf einer optimierten Route Dutzende von Haushalten in einem Quartier beliefert, ist ökologisch sehr sinnvoll. Diese gebündelte Lieferung ersetzt viele einzelne Autofahrten von Konsumenten zum Bauernhof oder Markt. Die Emissionen pro Haushalt sind in diesem Fall minimal. Problematisch wird es, wenn jeder Kunde einzeln und mit langen Anfahrtswegen beliefert wird oder wenn Konsumenten zusätzlich zu ihrer Gemüsekiste weitere Einkaufsfahrten für andere Produkte unternehmen. Der grösste Vorteil der Gemüsekiste liegt jedoch in der Förderung einer saisonalen und regionalen Ernährung und der direkten Verbindung zum Produzenten. Sie erhalten das, was gerade wächst, und vermeiden so automatisch energieintensive Lagerprodukte oder Flugware.

Nachhaltige Gemüselieferung in wiederverwendbaren Holzkisten

Die Nutzung von wiederverwendbaren Kisten und Gebinden, wie auf dem Bild zu sehen, reduziert zudem den Verpackungsmüll erheblich und verbessert die Gesamtökobilanz weiter. Die direkte Lieferung kann also eine hocheffiziente und nachhaltige Option sein, wenn die Logistik intelligent gestaltet ist und sie individuelle Einkaufsfahrten ersetzt.

Ihr Aktionsplan für einen klimafreundlichen Einkaufskorb

  1. Bezugsquellen prüfen: Identifizieren Sie alle Kanäle, über die Sie Lebensmittel beziehen (Supermarkt, Hofladen, Lieferdienst, Markt).
  2. Einkauf inventarisieren: Listen Sie für eine typische Woche auf, welche Produkte Sie kaufen und woher diese stammen (z.B. Schweizer Äpfel im April, spanische Tomaten im Mai).
  3. Saisonalität abgleichen: Vergleichen Sie Ihre Einkaufsliste mit einem Schweizer Saisonkalender. Wie viele Produkte kaufen Sie ausserhalb ihrer natürlichen Erntezeit?
  4. Transportart identifizieren: Markieren Sie alle Produkte, die wahrscheinlich per Flugzeug transportiert wurden (exotische Früchte, Gemüse aus Übersee).
  5. Optimierungsplan erstellen: Ersetzen Sie zuerst Flugware konsequent durch saisonale Alternativen. Reduzieren Sie dann schrittweise Produkte aus energieintensiver Lagerung oder beheiztem Anbau.

Wann müssen Sie verzichten, um unnötige Transportwege zu vermeiden?

Der Begriff „unnötige Transportwege“ wird oft pauschal verwendet. Doch eine differenzierte Betrachtung ist notwendig. Wie wir gesehen haben, ist der Transport per LKW oder Schiff oft nicht der entscheidende Faktor in der Klimabilanz. Der Verzicht sollte sich daher auf die wahren Klimasünder konzentrieren. Die absolute Priorität liegt hier beim Verzicht auf flugtransportierte Lebensmittel. Obwohl ihr Anteil an den gesamten Lebensmitteltransporten verschwindend gering ist, ist ihre Klimawirkung überproportional hoch.

Überraschenderweise macht der Flugtransport nur einen winzigen Bruchteil der globalen Lebensmitteltransporte aus. Aktuelle Daten zeigen, dass nur etwa 0,16% der Transportdistanz per Flugzeug zurückgelegt werden. Doch diese 0,16 % sind für einen signifikanten Teil der Transportemissionen verantwortlich. Ein bewusster Verzicht auf diese kleine Gruppe von Produkten hat also einen riesigen Hebel. Anstatt sich Gedanken über den LKW-Transport von italienischem Gemüse zu machen, ist es weitaus wirksamer, die peruanischen Spargeln im Februar oder die thailändischen Mangos im Winter im Regal liegen zu lassen.

Noch wichtiger als der Verzicht auf bestimmte Transportwege ist jedoch oft der Verzicht auf bestimmte Lebensmittelgruppen. Die Produktion von tierischen Produkten, insbesondere von Fleisch und Milchprodukten, ist weitaus emissionsintensiver als die der meisten pflanzlichen Lebensmittel. Die CO2-Einsparung durch eine Reduktion des Fleischkonsums kann die Einsparung durch optimierte Transportwege bei weitem übertreffen.

Fallbeispiel: Fleischverzicht vs. Transportoptimierung

Eine Analyse von Swissveg zeigt die Relationen eindrücklich auf: Eine Person, die ihren Fleischkonsum nur um einen Tag pro Woche reduziert, spart über das Jahr mehr CO2 ein, als wenn sie ihre gesamte Ernährung auf Produkte umstellen würde, die gar keine Transportkilometer verursachen (was praktisch unmöglich ist). Diese Gegenüberstellung belegt, dass die Produktauswahl oft einen grösseren Einfluss hat als die Herkunft.

Der wirksamste Verzicht ist also nicht der pauschale Verzicht auf alles, was nicht aus der unmittelbaren Nachbarschaft kommt. Es ist der gezielte Verzicht auf die grössten Klimasünder: Flugware und, in noch grösserem Masse, ein übermässiger Konsum von tierischen Produkten.

Die CO2-Falle: Warum schadet der grüne Spargel aus Peru im Februar dem Klima massiv?

Der grüne Spargel im Februar ist das Sinnbild für eine Konsumgewohnheit, die im Widerspruch zu jedem ökologischen Grundgedanken steht. Er landet in unseren Supermärkten, weil eine Nachfrage nach saisonalen Produkten ausserhalb ihrer natürlichen Verfügbarkeit existiert. Diese Nachfrage schafft eine „CO2-Falle“: Um sie zu befriedigen, werden extrem ressourcenintensive Lieferketten in Gang gesetzt, deren volle ökologische Kosten für den Konsumenten unsichtbar bleiben.

Der massive CO2-Ausstoss durch den Flugtransport ist nur ein Teil des Problems. Der Anbau selbst hat gravierende Folgen. Spargel benötigt viel Wasser. Sein Anbau in den trockenen Wüstenregionen Perus, wo er für den Export kultiviert wird, verbraucht wertvolle und knappe Wasserressourcen in einem ohnehin ariden Gebiet. Der saisonale Anbau in einer gemässigten Klimazone wie dem Schweizer Seeland ist im Vergleich dazu wesentlich wasserschonender und an die natürlichen Gegebenheiten angepasst.

Die CO2-Falle besteht also aus einer Kombination von Faktoren:

  • Hohe Transportemissionen: Der Flugtransport ist unumgänglich, um das verderbliche Gemüse schnell auf den europäischen Markt zu bringen.
  • Hoher Wasserverbrauch: Der Anbau in ungeeigneten Klimazonen belastet lokale Ökosysteme und Wasserreserven.
  • Verlust der Saisonalität: Die ständige Verfügbarkeit aller Produkte untergräbt das Bewusstsein für natürliche Zyklen und fördert ressourcenintensive Produktionsweisen.

Der Griff zum Spargel im Februar ist somit nicht nur eine Frage des persönlichen Geschmacks, sondern eine Entscheidung mit weitreichenden globalen Konsequenzen. Er symbolisiert ein System, das lokale ökologische Grenzen ignoriert, um eine globale Nachfrage zu befriedigen. Das Wissen um diese Zusammenhänge ist entscheidend, um aus dieser Falle auszubrechen und bewusste Entscheidungen zu treffen, die natürliche Zyklen respektieren.

Warum schmeckt der Käse besser, wenn Sie wissen, wie die Kuh heisst?

Diese Frage mag metaphorisch klingen, aber sie zielt auf einen entscheidenden Punkt ab: die Verbindung zwischen Qualität, Geschmack und nachhaltiger Produktion. Ein Käse von einer Alp, auf der die Kühe mit Namen gerufen werden, stammt aus einem kleinstrukturierten, extensiven System. Die Tiere fressen frische Gräser und Kräuter, was sich direkt auf die Qualität und das Aroma der Milch und des Käses auswirkt. Dieses System steht im Gegensatz zur industriellen Massenproduktion, die auf Effizienz und grosse Mengen ausgelegt ist, oft auf Kosten von Tierwohl und Umwelt.

Diese qualitative Überlegenheit gilt auch für pflanzliche Produkte. Ein saisonal geerntetes, sonnengereiftes Gemüse oder Obst hat Zeit, sein volles Aroma und seinen Nährstoffgehalt zu entwickeln. Die KlimaTeller Initiative fasst es treffend zusammen: „Weit transportierte Ware hingegen wird unreif geerntet und das schmeckt man.“ Der direkte Bezug zum Produzenten, wie er bei Hofläden oder auf dem Markt möglich ist, schafft nicht nur Transparenz über die Produktionsmethoden, sondern garantiert oft auch ein geschmacklich überlegenes Produkt.

Gleichzeitig muss man sich der enormen Klimawirkung von tierischen Produkten bewusst sein, selbst bei bester Herstellung. Butter zum Beispiel ist ein Konzentrat aus Milch, für deren Produktion grosse Mengen an Futter und Wasser sowie erhebliche Methanemissionen durch die Kühe anfallen. Die Klimabilanz ist entsprechend hoch. Eine Analyse zeigt, dass die Produktion von einem Kilogramm Butter mit rund 23,8 kg CO2-Äquivalenten zu Buche schlägt – einer der höchsten Werte unter allen Lebensmitteln. Dies gilt auch für Schweizer Butter.

Die Antwort auf die Eingangsfrage ist also zweigeteilt: Ja, der Käse von der Kuh „Fiona“ schmeckt wahrscheinlich besser, weil er aus einem naturnahen System stammt, das Qualität fördert. Gleichzeitig trägt er aber, wie alle tierischen Produkte, einen sehr grossen CO2-Rucksack. Der bewusste Genuss solcher Produkte in Massen ist daher aus Klimasicht ebenso wichtig wie die Wahl der richtigen Herkunft.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Transport macht im Schnitt nur 6% der CO2-Emissionen von Lebensmitteln aus; Produktion und Lagerung sind oft entscheidender.
  • „Regional“ ist nicht automatisch klimafreundlich. Eine beheizte Schweizer Gewächshaustomate im Mai ist schädlicher als eine spanische Freilandtomate.
  • Der grösste Hebel zur Reduktion Ihres CO2-Fussabdrucks liegt im Vermeiden von Flugware und in der Reduktion tierischer Produkte, nicht im alleinigen Fokus auf Transportwege.

Der CO2-Fussabdruck Ihres Tellers: Wie sparen Sie 1 Tonne pro Jahr?

Nachdem wir die einzelnen Faktoren analysiert haben, stellt sich die entscheidende Frage: Wie lassen sich diese Erkenntnisse in konkrete Handlungen umsetzen, um den eigenen CO2-Fussabdruck messbar zu senken? Das Ziel, die ernährungsbedingten Emissionen um eine Tonne CO2 pro Person und Jahr zu reduzieren, ist ambitioniert, aber durch eine strategische Kombination von Massnahmen absolut erreichbar. Es geht darum, an den grössten Hebeln anzusetzen.

Der mit Abstand wirkungsvollste Schritt ist die Reduktion des Konsums von tierischen Produkten. Eine Umstellung auf eine vegetarische Ernährung kann bis zu 700 kg CO2 pro Jahr einsparen. Wer nicht komplett auf Fleisch verzichten möchte, kann durch die Reduktion auf ein- bis zweimal pro Woche bereits einen Grossteil dieser Einsparung realisieren. Rindfleisch hat dabei die schlechteste Bilanz, Geflügel eine vergleichsweise bessere.

Ein weiterer riesiger, oft unterschätzter Faktor ist Food Waste. In der Schweiz landet rund ein Drittel aller Lebensmittel im Abfall, ein grosser Teil davon in Privathaushalten. Jedes weggeworfene Lebensmittel bedeutet, dass alle für seine Produktion, Verarbeitung, Lagerung und den Transport aufgewendeten Ressourcen umsonst verbraucht wurden. Eine bewusste Einkaufsplanung, die richtige Lagerung und die Verwertung von Resten können Hunderte von Kilogramm CO2 pro Jahr einsparen.

Die konsequente Beachtung von Saisonalität und Regionalität, insbesondere der Verzicht auf Flugware und Produkte aus beheizten Gewächshäusern, trägt ebenfalls signifikant zur Reduktion bei. Hier lassen sich bis zu 300 kg CO2 pro Jahr einsparen. Die Kombination dieser drei Strategien – weniger tierische Produkte, weniger Food Waste und bewusster Einkauf nach Saison – macht das Ein-Tonnen-Ziel realistisch.

  • Fleischkonsum reduzieren: Grösster Hebel (bis zu 700 kg CO2/Jahr)
  • Food Waste vermeiden: Besser planen, Reste verwerten (ca. 300-400 kg CO2/Jahr)
  • Saisonal/Regional einkaufen: Flugware und beheizte Gewächshäuser meiden (bis zu 300 kg CO2/Jahr)

Beginnen Sie noch heute damit, Ihren Einkaufskorb nicht nur nach Herkunft, sondern nach seinem gesamten CO2-Rucksack zu bewerten. Indem Sie strategisch an den grössten Hebeln ansetzen – bei der Produktauswahl und der Vermeidung von Verschwendung – können Sie eine wirkliche und messbare Veränderung für das Klima bewirken.

Häufige Fragen zum CO2-Fussabdruck von Lebensmitteln

Ist Bio automatisch besser für das Klima?

Nicht unbedingt. Bio-Landwirtschaft hat viele Vorteile für die Biodiversität und den Bodenschutz, da sie auf chemisch-synthetische Pestizide und Düngemittel verzichtet. In Bezug auf die CO2-Bilanz ist das Bild jedoch gemischt. Oft sind die Erträge im Bio-Anbau geringer, was bedeutet, dass pro Kilogramm Produkt mehr Fläche benötigt wird. Der entscheidende Faktor bleibt aber auch hier oft die Saisonalität und die Produktionsweise (z.B. Freiland vs. Gewächshaus).

Spielt die Verpackung eine grosse Rolle für die Klimabilanz?

Die Verpackung spielt eine Rolle, aber ihr Einfluss auf die CO2-Bilanz ist im Vergleich zur Produktion des Lebensmittels selbst meist gering. Sie macht oft nur wenige Prozent des gesamten CO2-Fussabdrucks aus. Viel wichtiger ist die Funktion der Verpackung, Lebensmittelverschwendung zu verhindern. Eine intelligente Verpackung, die ein Produkt länger haltbar macht, kann ökologisch sinnvoller sein als ein unverpacktes Produkt, das schnell verdirbt und weggeworfen wird. Dennoch sollten unnötige und ressourcenintensive Verpackungen (z.B. mehrfach in Plastik eingeschweisstes Gemüse) vermieden werden.

Geschrieben von Beat Imhof, Agrarwissenschaftler ETH und Berater für nachhaltige Landwirtschaft im Berner Seeland. Er ist spezialisiert auf Bio-Zertifizierungen, saisonalen Anbau und lokale Lieferketten.