Veröffentlicht am März 15, 2024

Die wahre Garantie für Bio-Qualität in der Schweiz liegt nicht im Logo selbst, sondern im dahinterstehenden System der „Gesamtbetrieblichkeit“.

  • Schweizer Verbandssiegel wie die Bio-Knospe fordern, dass der gesamte Hof biologisch wirtschaftet, nicht nur einzelne Teile.
  • Vage Begriffe wie „natürlich“ oder „regional“ sind oft reine Marketing-Versprechen ohne rechtlich bindende Bio-Garantie.

Empfehlung: Prüfen Sie immer auf ein offizielles Siegel (Knospe, Demeter) und die CH-BIO-Kontrollnummer, statt sich auf Werbeaussagen zu verlassen.

Sie stehen im Supermarkt, der Einkaufskorb in der Hand, und blicken auf ein Meer von Verpackungen. „Aus der Region“, „naturnah“, „Bio“, „Demeter“ – die Versprechen sind vielfältig, doch die Verwirrung ist gross. Welches Produkt hält wirklich, was es verspricht? Viele Konsumenten verlassen sich auf bekannte Logos oder wohlklingende Begriffe, ohne die dahinterliegenden Systeme zu verstehen. Man greift zum regionalen Apfel, weil es sich richtig anfühlt, oder zum EU-Bio-Produkt, weil es günstiger ist. Doch diese Entscheidungen basieren oft auf einer unvollständigen Wahrheit, einem cleveren Marketing, das die Lücken im System ausnutzt.

Doch was, wenn der Schlüssel zum Verständnis nicht in einem oberflächlichen Vergleich von Logos liegt, sondern im Begreifen der fundamentalen Philosophie, die die Spreu vom Weizen trennt? Die wahre Trennlinie verläuft nicht zwischen „gut“ und „besser“, sondern zwischen einem ganzheitlichen Bekenntnis zur Nachhaltigkeit und einer rein produktbezogenen Zertifizierung. Es geht um die entscheidende Frage: Gilt das Bio-Versprechen für den gesamten Bauernhof oder nur für ein einzelnes Feld? Dieser Artikel blickt hinter die Kulissen der Siegel und deckt auf, warum Konzepte wie die Systemintegrität und die gefürchtete „Gesamtbetrieblichkeit“ die eigentlichen Indikatoren für Vertrauen sind.

Wir werden die strengen Anforderungen an das Tierwohl analysieren, Marketing-Tricks entlarven und die robusten Kontrollmechanismen beleuchten, die echte Schweizer Bio-Qualität garantieren. So sind Sie für Ihren nächsten Einkauf gewappnet und können mit echtem Wissen eine fundierte Entscheidung treffen.

Demeter, Bio Suisse oder EU-Bio: Welches Siegel verlangt wirklich Tierwohl?

Wenn es um Tierwohl geht, sind die Unterschiede zwischen den Bio-Siegeln erheblich. Es ist ein verbreiteter Irrglaube, dass „Bio“ automatisch höchste Tierhaltungsstandards bedeutet. In Wahrheit definieren die verschiedenen Labels sehr unterschiedliche Mindestanforderungen, die weit auseinanderklaffen. Während das EU-Bio-Siegel eine grundlegende Verbesserung gegenüber der konventionellen Haltung darstellt, setzen Schweizer Verbandssiegel wie die Bio Suisse Knospe und insbesondere Demeter deutlich strengere Massstäbe. Diese Unterschiede manifestieren sich in konkreten Praktiken wie dem Enthornen von Kühen, den erlaubten Transportzeiten oder dem permanenten Zugang zu Auslauf.

Ein entscheidender Punkt ist beispielsweise die Enthornung von Kühen: Bei Demeter ist sie grundsätzlich verboten, während sie bei Bio Suisse nur unter Betäubung und bei EU-Bio ohne solche Einschränkungen erlaubt ist. Diese Regelungen spiegeln eine tiefere philosophische Haltung zur Integrität des Tieres wider. Der folgende Vergleich zeigt die Kernunterschiede auf:

Vergleich der Tierwohl-Standards: Demeter vs. Bio Knospe vs. EU-Bio
Kriterium Demeter Bio Knospe (Bio Suisse) EU-Bio
Enthornung von Kühen Verboten Erlaubt mit Betäubung Erlaubt
Transportdauer Maximal 1 Stunde Maximal 4 Stunden Maximal 8 Stunden
Gesamtbetrieblichkeit 100% Bio-Pflicht 100% Bio-Pflicht Teilbereiche möglich
Zusatzstoffe in Verarbeitung Keine erlaubt 34 von 56 Bio-Zusatzstoffen 47 Zusatzstoffe erlaubt

Darüber hinaus gehen Schweizer Standards weiter, indem sie das gesamte Ökosystem des Hofes einbeziehen. So fordert Bio Suisse von allen Knospe-Betrieben mindestens 7% ökologische Ausgleichsflächen, um die Biodiversität zu fördern, was indirekt auch dem Wohl der Nutztiere zugutekommt. Für Konsumenten, denen Tierschutz besonders am Herzen liegt, lohnt sich ein genauer Blick. Wie die Redaktion von Nachhaltig Leben anmerkt, geht es sogar noch strenger: „Das KAG Freiland-Label ist zumindest bei Fleisch und Eiern das strengste in der Schweiz. Die Tiere erhalten zudem täglich Auslauf, der im Sommer auf die Weide führt.“ Dies zeigt, dass innerhalb der Bio-Welt eine klare Hierarchie existiert.

Letztlich ist die Wahl des Siegels eine Abwägung, wie hoch man die Messlatte für das Tierwohl ansetzen möchte. Die Schweizer Verbandssiegel bieten hier eine deutlich höhere Garantie als der europäische Mindeststandard.

Ist „Aus der Region“ automatisch Bio oder nur ein Marketing-Trick?

Der Begriff „regional“ erzeugt bei vielen Schweizer Konsumenten ein Gefühl von Vertrauen, Frische und Umweltfreundlichkeit. Doch hier lauert eine der grössten Kontrolllücken im Lebensmittelmarkt. Anders als „Bio“ ist „regional“ kein geschützter Begriff mit klaren, landesweit einheitlichen Produktionsstandards. Es garantiert lediglich die geografische Herkunft, sagt aber absolut nichts über die landwirtschaftliche Praxis aus. Ein regionaler Apfel kann also konventionell mit Pestiziden angebaut worden sein, während ein Bio-Apfel aus dem Ausland nach strengen ökologischen Richtlinien produziert wurde.

Diese Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Realität wird von Marketingabteilungen gezielt genutzt. Der positive Klang von „Heimat“ und „Nähe“ überstrahlt oft die kritische Frage nach der Produktionsmethode. Das Ziel ist klar: Ein Produkt soll als hochwertig und nachhaltig wahrgenommen werden, ohne die kostspieligen Anforderungen einer echten Bio-Zertifizierung erfüllen zu müssen. Dies führt zu der paradoxen Situation, dass ein konventionelles Produkt aus der Region eine schlechtere Ökobilanz und geringere Nachhaltigkeitsstandards aufweisen kann als ein importiertes Bio-Produkt.

Visuelle Gegenüberstellung von regionalen konventionellen und importierten Bio-Produkten

Die Programme der grossen Detailhändler verdeutlichen diese Problematik. Sie definieren „Region“ oft sehr grosszügig und die Standards bleiben hinter denen von Bio weit zurück. Es ist ein klassisches Beispiel für ein Marketing-Versprechen, das keine verbriefte Garantie für ökologische Landwirtschaft darstellt.

Fallbeispiel: Migros ‚Aus der Region. Für die Region.‘

Das bekannte Regionalitätslabel der Migros garantiert, dass Produktion und Verarbeitung ausschliesslich in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein stattfinden. Obwohl Massnahmen zum Erhalt der Biodiversität gefordert werden, sind mineralische Dünger sowie bestimmte Herbizide weiterhin erlaubt. Das bedeutet: Die Standards entsprechen klar nicht den Bio-Anforderungen. Es ist ein Herkunfts-, aber kein Produktionsstandard-Label.

Regionalität und Bio schliessen sich nicht aus – im Idealfall findet man beides. Doch wenn man sich entscheiden muss, bietet die Bio-Zertifizierung die verlässlichere Garantie für eine umweltschonende und nachhaltige Produktion.

Funktioniert das Tracking bis zum Bauer wirklich oder ist es Show?

Die Behauptung, ein Produkt sei „bis zum Bauern rückverfolgbar“, ist ein zentrales Vertrauensversprechen der Bio-Branche. Doch ist dies mehr als nur ein beruhigender Slogan? In der Schweiz ist die Antwort ein klares Ja. Die Systemintegrität des Schweizer Bio-Systems basiert auf einem lückenlosen und streng kontrollierten Kontroll- und Zertifizierungsprozess. Jedes Unternehmen, das Bio-Produkte herstellt, verarbeitet oder importiert, muss sich zertifizieren lassen und wird mindestens einmal jährlich unangemeldet überprüft.

Dieses System wird von staatlich anerkannten und akkreditierten Zertifizierungsstellen getragen. In der Schweiz sind bio.inspecta AG, Bio Test Agro AG, Ecocert IMOswiss AG und ProCert Safety AG die vier akkreditierten Kontrollstellen, die sicherstellen, dass die strengen Richtlinien von der Gabel bis zum Acker eingehalten werden. Jedes verpackte Bio-Produkt muss die Kontrollstellennummer (z.B. CH-BIO-006) tragen, was eine direkte Zuordnung und Überprüfung ermöglicht. Dies ist keine Show, sondern ein rechtlich verankertes und transparentes Verfahren.

Die Kontrollen selbst sind äusserst detailliert und gehen weit über eine oberflächliche Inspektion hinaus. Bio Suisse beschreibt den Prozess sehr anschaulich und zeigt, wie tief die Prüfer in die Betriebsabläufe eintauchen, um die Einhaltung der Regeln sicherzustellen:

Auf dem Landwirtschaftsbetrieb überprüft der Bio-Kontrolleur Feld und Stall. Der Zustand und die Anzahl der Tiere werden angeschaut, die Ställe besichtigt und vermessen. Anhand der Warenflusskontrolle wird überprüft, ob das produzierte Bio-Futter für die Anzahl Hoftiere reicht.

– Bio Suisse, Fragen zu Label und Kontrolle

Diese Warenflusskontrolle ist das Herzstück des Systems. Es wird genau dokumentiert, wie viel Bio-Ware ein Bauer produziert und an wen er sie verkauft. Ein Verarbeiter muss wiederum nachweisen, woher er seine Bio-Rohstoffe bezogen hat und dass die Menge der verkauften Bio-Endprodukte mit der eingekauften Menge übereinstimmt. Dieser „Papierkrieg“ verhindert effektiv, dass konventionelle Ware als Bio deklariert wird.

Während kein System eine hundertprozentige Sicherheit vor Betrug bieten kann, macht die hohe Kontrolldichte und die lückenlose Dokumentationspflicht im Schweizer Bio-System ein Täuschen extrem schwierig und riskant.

Warum sind Verbandssiegel oft strenger als staatliche Mindeststandards?

Ein zentrales Merkmal der Schweizer Bio-Landschaft ist die Dominanz von privaten Verbandssiegeln wie der Bio Suisse Knospe oder Demeter. Diese sind durchwegs strenger als die gesetzlichen Mindestanforderungen, die durch die Schweizer Bio-Verordnung (äquivalent zum EU-Bio-Standard) festgelegt sind. Dieser Unterschied ist kein Zufall, sondern wurzelt im Pioniergeist der Bio-Bewegung. Während staatliche Regelungen oft einen Kompromiss darstellen, der für eine breite Masse an Produzenten umsetzbar sein muss, wurden die Verbandsrichtlinien von überzeugten Pionieren entwickelt. Ihr Ziel war nicht die Erfüllung eines Mindeststandards, sondern die Umsetzung einer ganzheitlichen ökologischen Vision.

Diese Vision umfasst den gesamten landwirtschaftlichen Betrieb als geschlossenen Kreislauf. Es geht nicht nur darum, auf chemisch-synthetische Pestizide zu verzichten, sondern um die Förderung der Bodenfruchtbarkeit, den Erhalt der Biodiversität und eine artgerechte Tierhaltung, die über gesetzliche Vorgaben hinausgeht. Dieser ideologische Ursprung erklärt, warum Verbandssiegel oft höhere Anforderungen in Bereichen wie Tierwohl, Biodiversitätsförderung und soziale Standards stellen. Sie repräsentieren ein Ideal, dem sich ihre Mitglieder aus Überzeugung verpflichten.

Schweizer Bio-Bauern bei der Feldarbeit mit traditionellen und modernen Methoden

Die hohe Akzeptanz dieses strengeren Weges in der Schweiz ist bemerkenswert. Zahlen von Bio Suisse und dem FiBL belegen, dass dies kein Nischenphänomen ist. Die überwiegende Mehrheit der Schweizer Bio-Höfe, nämlich rund 6’700 von 7’200, arbeitet freiwillig nach den strengeren Bio Suisse-Richtlinien. Dies zeigt, dass die Branche selbst den höheren Standard als Norm und Qualitätsmerkmal für Schweizer Bio-Produkte ansieht. Die staatliche Verordnung dient lediglich als Grundgerüst, während die Verbände die eigentliche Qualitätsführerschaft übernehmen.

Für Konsumenten bedeutet dies: Wer sich für ein Produkt mit einem Verbandssiegel entscheidet, unterstützt nicht nur einen Mindeststandard, sondern ein umfassenderes ökologisches und ethisches Engagement, das aus der Überzeugung der Bio-Pioniere erwachsen ist.

Der „Natürlich“-Bluff: Welche Begriffe sind gesetzlich gar nicht geschützt?

Im Marketing-Vokabular gibt es kaum verführerischere Worte als „natürlich“, „traditionell“, „naturnah“ oder „aus Bergregionen“. Sie malen das Bild eines idyllischen, unverfälschten Produkts und suggerieren eine Qualität, die über dem konventionellen Standard liegt. Doch genau hier liegt die Falle: Die meisten dieser Begriffe sind rechtlich völlig ungeschützt und bedeutungslos. Sie sind reine Werbesprache ohne jegliche verbriefte Garantie. Ein Joghurt „nach traditionellem Rezept“ kann voller künstlicher Aromen stecken, und ein „natürlicher“ Müesliriegel kann einen hohen Zuckergehalt aufweisen.

Das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) stellt klar, welche Begriffe wirklich zählen. In einer offiziellen Mitteilung heisst es unmissverständlich: „Nur zertifizierte Produkte dürfen die Kennzeichnung ‚biologisch‘ oder ‚ökologisch‘ tragen. Ein staatliches Bio-Logo gibt es in der Schweiz nicht.“ Dies unterstreicht, dass allein die Worte „Bio“ oder „Öko“, oft in Verbindung mit einem anerkannten Siegel wie der Knospe, Demeter oder dem EU-Bio-Blatt, eine rechtlich bindende Bedeutung haben. Alle anderen wohlklingenden Bezeichnungen sind Teil des „Natürlich“-Bluffs, der darauf abzielt, Konsumenten ohne eine echte Gegenleistung zu einem höheren Preis zu verleiten.

Diese strategische Unschärfe ist eine bewusste Taktik, um von der positiven Assoziation des Bio-Landbaus zu profitieren, ohne dessen strenge und kostspielige Regeln einhalten zu müssen. Für verunsicherte Einkäufer ist es daher essenziell, eine Methode zur Hand zu haben, um echte Bio-Qualität von leeren Marketing-Hülsen zu unterscheiden. Die folgende Checkliste dient als praktischer Leitfaden für den nächsten Einkauf.

Ihr Plan zur Entlarvung von Marketing-Tricks: So erkennen Sie echte Bio-Qualität

  1. Offizielle Siegel prüfen: Suchen Sie gezielt nach den anerkannten Bio-Siegeln (Knospe, Demeter, EU-Bio) und ignorieren Sie vage Begriffe wie „natürlich“ oder „traditionell“.
  2. Zutatenliste analysieren: Laut gesetzlicher Vorschrift müssen Bio-Produkte mindestens 95% biologische Zutaten enthalten. Ein kurzer Blick auf die Liste gibt Aufschluss.
  3. Kontrollnummer suchen: Jedes echte Bio-Produkt in der Schweiz trägt eine Kontrollstellennummer im Format „CH-BIO-XXX“. Fehlt diese Nummer, handelt es sich nicht um ein zertifiziertes Bio-Produkt.
  4. Schwammige Begriffe hinterfragen: Seien Sie skeptisch bei Begriffen wie „aus Bergregionen“ oder „handwerklich“. Diese sind rechtlich nicht definiert und sagen nichts über die Produktionsweise aus.
  5. Herkunftsangaben bewerten: Bevorzugen Sie Produkte mit konkreten, nachvollziehbaren Herkunftsangaben (z.B. Name des Hofes) statt allgemeinen Regionalitätsversprechen.

Indem Sie lernen, diese ungeschützten Begriffe zu ignorieren und stattdessen auf die harten Fakten – Siegel und Kontrollnummer – zu achten, gewinnen Sie die Kontrolle im Label-Dschungel zurück.

Warum sind Schweizer Bio-Richtlinien strenger als das EU-Blatt?

Die Tatsache, dass Schweizer Bio-Richtlinien, insbesondere die der Bio Suisse Knospe, die Standards des EU-Bio-Siegels übertreffen, ist auf eine fundamental andere Philosophie zurückzuführen. Während die EU-Bio-Verordnung als einheitlicher gesetzlicher Rahmen für einen riesigen und diversen Binnenmarkt konzipiert ist und daher einen pragmatischen Mindeststandard darstellt, basieren die Schweizer Richtlinien auf einem ganzheitlichen, idealistischeren Ansatz. Sie sind nicht das Ergebnis eines politischen Kompromisses, sondern das Resultat des bereits erwähnten Pioniergeistes der Schweizer Bio-Bauern.

Dieser Unterschied manifestiert sich in drei Kernbereichen. Erstens, der Fokus auf den geschlossenen Hofkreislauf. Die Schweizer Philosophie sieht den Bauernhof als ein lebendiges Ökosystem, in dem möglichst alles im Gleichgewicht ist. Das Futter für die Tiere soll grösstenteils vom eigenen Hof stammen, und der anfallende Mist wird als Dünger für die Felder verwendet. Dies fördert die Autonomie des Betriebs und minimiert externe Abhängigkeiten. Die EU-Regelung ist hier weniger streng und erlaubt einen höheren Zukauf von Futtermitteln.

Makroaufnahme von Bio-Produkten mit abstrakten Zertifizierungssymbolen

Zweitens, der Anspruch an die Biodiversität. Bio Suisse verpflichtet seine Betriebe, mindestens sieben Prozent ihrer landwirtschaftlichen Nutzfläche als Biodiversitätsförderflächen (z.B. Hecken, Blumenwiesen) zu bewirtschaften. Diese Anforderung geht weit über die EU-Vorgaben hinaus und trägt aktiv zum Schutz von Insekten, Vögeln und der allgemeinen Artenvielfalt bei. Es ist ein klares Bekenntnis, dass Bio-Landwirtschaft mehr ist als nur der Verzicht auf Chemie.

Drittens, das Prinzip der Gesamtbetrieblichkeit. Dies ist wohl der markanteste Unterschied und verdient eine eigene, detailliertere Betrachtung. Die Schweizer Richtlinien verkörpern eine „Alles-oder-nichts“-Mentalität, die im EU-Raum in dieser Konsequenz nicht existiert und die das Vertrauen in Schweizer Bio-Produkte massgeblich stärkt.

Im Kern geht es darum, dass der Schweizer Weg nicht nur ein Produkt zertifiziert, sondern ein ganzes landwirtschaftliches System und dessen positive Auswirkungen auf die Umwelt fördert.

Warum muss bei der Knospe der ganze Hof Bio sein und nicht nur ein Feld?

Das Prinzip der Gesamtbetrieblichkeit ist das Herzstück der Bio Suisse-Philosophie und der entscheidende Punkt, der die Knospe von vielen anderen Labels, einschliesslich des EU-Bio-Siegels, abhebt. Es bedeutet schlicht und einfach: Ein Bauernhof, der das Knospe-Label tragen will, muss zu 100 Prozent biologisch bewirtschaften. Jedes Feld, jedes Tier und jede Verarbeitung auf dem Hof muss den strengen Bio Suisse-Richtlinien entsprechen. Eine Parallelproduktion von konventionellen und biologischen Produkten auf demselben Betrieb ist strikt verboten.

Warum diese unnachgiebige Haltung? Die Gründe sind sowohl praktischer als auch ideologischer Natur. Aus praktischer Sicht minimiert das Prinzip das Risiko der Kontamination und des Betrugs. Wenn auf einem Hof gleichzeitig konventionell (mit Pestiziden und Kunstdünger) und biologisch gewirtschaftet wird, ist die Gefahr einer Abdrift von Spritzmitteln auf die Bio-Flächen oder einer versehentlichen oder absichtlichen Vermischung bei Ernte, Lagerung und Verarbeitung ungleich höher. Die 100-Prozent-Regel schafft hier eine klare und einfach zu kontrollierende Linie und stärkt die Systemintegrität massiv.

Aus ideologischer Sicht spiegelt die Gesamtbetrieblichkeit die Überzeugung wider, dass „Bio“ eine Haltung und eine ganzheitliche Wirtschaftsweise ist, keine blosse Produktionstechnik für ein Nischenprodukt. Es ist ein klares Bekenntnis des Bauern zur ökologischen Landwirtschaft. Im Ausland, wo nach EU-Bio-Verordnung produziert wird, ist dies anders. Dort können Betriebe auch nur einzelne Teile, wie beispielsweise den Ackerbau, auf Bio umstellen, während die Tierhaltung konventionell bleibt, solange die Bereiche klar voneinander getrennt sind. Dies ermöglicht zwar einen einfacheren Einstieg in die Bio-Produktion, schwächt aber die Glaubwürdigkeit und die ganzheitliche Wirkung des Systems.

Diese Anforderung stellt sicher, dass der Bauer voll und ganz hinter der Bio-Philosophie steht und sein gesamtes Wissen und seine Energie in die nachhaltige Bewirtschaftung seines Landes investiert. Es verhindert eine „Rosinenpickerei“, bei der nur die profitabelsten Zweige auf Bio umgestellt werden.

Es ist ein kompromissloses Bekenntnis zur Sache, das weit über die blosse Einhaltung von Produktstandards hinausgeht und das Vertrauen in die Marke „Bio Suisse“ nachhaltig festigt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ganzheitlichkeit ist entscheidend: Der grösste Unterschied zwischen Schweizer Standards (Knospe) und EU-Bio ist die Pflicht zur Gesamtbetrieblichkeit des Hofes.
  • Begriffe sind nicht geschützt: Ausdrücke wie „natürlich“, „traditionell“ oder „aus Bergregionen“ haben keine rechtliche Bio-Definition und sind oft Marketing.
  • Kontrolle ist der Schlüssel: Echte Bio-Produkte in der Schweiz sind immer durch eine Kontrollstellennummer (CH-BIO-XXX) rückverfolgbar.

Bio-Knospe vs. EU-Bio: Warum ist der Schweizer Standard so viel strenger?

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Bio-Knospe von Bio Suisse nicht nur in einem Punkt, sondern in einer ganzen Reihe von Kriterien strenger ist als das EU-Bio-Siegel. Diese kumulierten Unterschiede machen den Schweizer Standard zu einer der verlässlichsten Garantien für eine umfassend nachhaltige Produktion in Europa. Während wir das Prinzip der Gesamtbetrieblichkeit bereits als fundamentalen Unterschied identifiziert haben, gibt es weitere entscheidende Bereiche, die den höheren Anspruch der Knospe untermauern.

Ein besonders greifbares Beispiel ist die Verarbeitung von Lebensmitteln. Die EU-Bio-Verordnung erlaubt eine deutlich längere Liste an Zusatz- und Verarbeitungshilfsstoffen als Bio Suisse. Laut dem Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) erlaubt Bio Suisse nur rund 34 Zusatzstoffe, während die EU-Bio-Verordnung deren 56 zulässt. Bio Suisse verfolgt hier das Prinzip „so wenig Verarbeitung wie nötig“, um die Natürlichkeit des Produkts zu bewahren. Farbstoffe und künstliche Aromen sind bei Knospe-Produkten tabu, auch wenn sie natürlichen Ursprungs wären.

Auch im Bereich des Futters für die Tiere sind die Schweizer Regeln konsequenter. Knospe-Betriebe müssen mindestens 90 Prozent des Futters aus der Schweiz beziehen, was nicht nur die lokale Landwirtschaft stärkt, sondern auch lange Transportwege vermeidet. Die EU-Regelung ist hier deutlich liberaler und erlaubt einen höheren Anteil an importiertem Futter, was zu ökologisch fragwürdigen Situationen führen kann, in denen beispielsweise Soja aus Übersee an europäische Bio-Tiere verfüttert wird.

Diese und viele weitere Details – von strengeren Grenzwerten für Pestizidrückstände bis hin zu den bereits erwähnten höheren Anforderungen an Tierwohl und Biodiversität – formen ein Gesamtpaket, das die Knospe klar vom EU-Standard abhebt. Es ist kein Marketing-Gag, sondern eine Summe von konsequenten und kontrollierten Einzelmassnahmen, die aus einer tiefen ökologischen Überzeugung resultieren.

Treffen Sie bei Ihrem nächsten Einkauf eine bewusste Entscheidung, indem Sie nicht nur auf das Logo, sondern auf die Summe der Garantien achten, die dahintersteht. Der Griff zum Knospe-Produkt ist ein Votum für einen konsequenteren und ganzheitlicheren Weg der biologischen Landwirtschaft.

Geschrieben von Beat Imhof, Agrarwissenschaftler ETH und Berater für nachhaltige Landwirtschaft im Berner Seeland. Er ist spezialisiert auf Bio-Zertifizierungen, saisonalen Anbau und lokale Lieferketten.