Veröffentlicht am Mai 21, 2024

Der Kauf im Hofladen ist die direkteste Form der Wirtschaftsförderung für Schweizer Randregionen und weit mehr als nur ein Konsumakt.

  • Er sorgt dafür, dass bis zu 90% des Verkaufspreises direkt beim landwirtschaftlichen Betrieb und somit in der lokalen Wirtschaft verbleiben.
  • Er finanziert die Pflege der alpinen Kulturlandschaft, was die Grundlage für den sanften Tourismus bildet und die Verbuschung verhindert.
  • Er stärkt die Ernährungssouveränität der Schweiz und macht das System widerstandsfähiger gegenüber globalen Krisen.

Empfehlung: Betrachten Sie Ihren nächsten Einkauf bewusst als ökonomische Entscheidung. Jeder Franken, der in einem Hofladen ausgegeben wird, ist eine direkte Investition in die Stabilität und Zukunft der Schweizer Talschaften.

Stellen Sie sich vor, Sie stehen im Supermarkt. Vor Ihnen liegen Tomaten aus Spanien, Kartoffeln aus Ägypten und Äpfel aus Neuseeland. Die Auswahl ist riesig, die Herkunft global. Viele Konsumenten entscheiden sich bewusst für regionale Produkte, oft aus dem Bauchgefühl heraus: Es schmeckt frischer, man kennt die Herkunft und möchte die heimischen Bauern unterstützen. Diese Gründe sind richtig und wichtig, doch sie kratzen nur an der Oberfläche eines viel grösseren, volkswirtschaftlichen Zusammenhangs.

Die meisten Diskussionen über lokalen Konsum enden bei den Vorteilen für Geschmack und Transparenz. Doch was, wenn Ihr Einkauf im Hofladen keine blosse Präferenz, sondern eine handfeste ökonomische Entscheidung mit weitreichenden Konsequenzen ist? Eine Entscheidung, die direkt über Arbeitsplätze in Tälern, die Erhaltung unserer einzigartigen Kulturlandschaft und sogar über die Krisenfestigkeit der gesamten Schweiz mitbestimmt. Der Griff zum lokalen Käse oder zum Sack Kartoffeln vom Nachbarhof löst einen Kaskadeneffekt aus, dessen wahre Tragweite oft unsichtbar bleibt.

Dieser Artikel beleuchtet die verborgenen Mechanismen hinter der Direktvermarktung. Wir werden aus einer volkswirtschaftlichen Perspektive analysieren, wie jeder von Ihnen ausgegebene Franken im lokalen Wirtschaftskreislauf wirkt. Es geht nicht nur darum, einen Bauern zu unterstützen, sondern darum, ein ganzes Ökosystem aus Arbeitsplätzen, Landschaftspflege und regionaler Identität zu finanzieren. Wir zeigen Ihnen, warum der Einkauf ab Hof eine der wirksamsten Formen ist, um die strukturelle Stabilität der Schweizer Talschaften aktiv zu sichern.

Um diese komplexen Zusammenhänge zu verstehen, werden wir die Wertschöpfungskette analysieren, die ökologischen Notwendigkeiten beleuchten und die Verbindung zwischen Landwirtschaft und Tourismus aufzeigen. Das folgende Inhaltsverzeichnis gibt Ihnen einen Überblick über die Themen, die wir vertiefen werden.

Wie viel Rappen von Ihrem Franken bleiben beim Bauern vs. beim Grossverteiler?

Die entscheidende Frage für die lokale Wirtschaft ist nicht, wie viel ein Produkt kostet, sondern wem das Geld zugutekommt. Der grösste Unterschied zwischen dem Kauf im Hofladen und im Supermarkt liegt in der Länge der Wertschöpfungskette. Während der Weg vom Feld in den Grossverteiler oft über mehrere Zwischenhändler, Logistikzentren und Verarbeitungsbetriebe führt, ist die Kette in der Direktvermarktung radikal verkürzt. Jede Zwischenstufe kostet Geld und schmälert den Anteil, der beim Produzenten ankommt.

Obwohl der Marktanteil der Direktvermarktung mit nur rund 6-7% am gesamten Agrarmarkt klein erscheint, ist ihre Wirkung auf die landwirtschaftlichen Betriebe enorm. Studien zeigen, dass bei Lebensmitteln, die über den Detailhandel verkauft werden, oft nur 20-30% des Endpreises beim Bauern landen. Der Rest verteilt sich auf Transport, Lagerung, Marketing, Verpackung und die Margen der Händler. Im Gegensatz dazu verbleiben bei der Direktvermarktung 70-90% der Wertschöpfung direkt auf dem Hof.

Dieser massive Unterschied hat direkte Folgen. Der höhere Erlös ermöglicht es den Bauernfamilien, nicht nur ihre Kosten zu decken, sondern auch in den Betrieb zu investieren, fairere Löhne zu zahlen und Arbeitsplätze zu schaffen oder zu erhalten. Das Geld fliesst nicht an internationale Konzerne oder ausserkantonale Logistikzentren, sondern direkt in den lokalen Wirtschaftskreislauf der Gemeinde und der Region. Es sichert das Einkommen des Schreiners, der den Hofladen ausbaut, und des lokalen Mechanikers, der den Traktor repariert.

Wertschöpfungskette: Hofladen vs. Grossverteiler
Aspekt Direktvermarktung Grossverteiler
Anzahl Zwischenstufen 0-1 3-5
Wertschöpfung beim Bauern 70-90% 20-30%
Lokale Steuerrückflüsse Direkt in Gemeinde Meist ausserkantonal
Transparenz der Herkunft 100% Variabel

Der Kauf im Hofladen ist somit kein Almosen, sondern eine effiziente ökonomische Transaktion, die die finanzielle Basis der Produzenten und damit der gesamten ländlichen Region stärkt.

Warum verbuscht die Alp, wenn Sie keine Schweizer Bergprodukte kaufen?

Die malerischen Alpweiden der Schweiz sind kein reines Naturprodukt, sondern eine über Jahrhunderte geformte Kulturlandschaft. Ihre Offenhaltung ist direkt von der landwirtschaftlichen Nutzung, insbesondere der Beweidung durch Vieh, abhängig. Bleibt diese Nutzung aus, erobert die Natur das Land zurück: Zuerst wachsen Sträucher, dann Bäume – die Alp „verbuscht“. Dieser Prozess zerstört nicht nur ein ikonisches Landschaftsbild, sondern mindert auch die Biodiversität und erhöht die Lawinengefahr.

Der Kauf von Schweizer Bergprodukten, insbesondere von Alp- und Bergkäse, ist die direkteste Form der Finanzierung dieser essenziellen Landschaftspflege. Die Tiere, deren Milch für diese Produkte verwendet wird, sind die „Gärtner“ der Alpen. Ein hervorragendes Beispiel dafür ist der Gruyère AOP, der diesen Zusammenhang institutionalisiert.

Fallbeispiel: Gruyère AOP als Motor der Alpwirtschaft

Der berühmte Gruyère AOP wird auf 54 Alpbetrieben in den Kantonen Freiburg, Waadt, Neuenburg und Jura hergestellt. Das strenge Pflichtenheft der AOP (Appellation d’Origine Protégée) schreibt vor, dass die Kühe auf den Weiden grasen und ihr Futter zu mindestens 70% vom eigenen Betrieb stammen muss. Wie eine Analyse des Pflichtenhefts zeigt, sichern diese Anforderungen nicht nur die einzigartige Qualität des Käses, sondern garantieren gleichzeitig die Beweidung und damit die Pflege der wertvollen Alpflächen. Ohne die Nachfrage nach diesem Käse gäbe es keinen wirtschaftlichen Anreiz, die aufwendige Alpwirtschaft aufrechtzuerhalten.

Gepflegte Alpweide mit grasenden Kühen in den Schweizer Bergen

Ihr Entscheid im Laden hat also eine direkte Auswirkung auf das Landschaftsbild. Jeder Kauf eines zertifizierten Bergprodukts ist ein Beitrag zur Erhaltung der offenen Weiden und zur Strukturerhaltung im Berggebiet. Er finanziert die Arbeit der Älpler, die weit mehr tun, als nur Käse zu produzieren: Sie pflegen ein nationales Erbe.

Wenn wir uns für importierte Alternativen entscheiden, entziehen wir diesem fragilen System die ökonomische Grundlage. Die Folge ist eine schleichende Verwilderung, die kaum rückgängig zu machen ist.

Krisensicherheit: Warum stärkt lokale Produktion die Schweiz in globalen Krisen?

Die COVID-19-Pandemie und die geopolitischen Spannungen der letzten Jahre haben eine schmerzhafte Wahrheit offengelegt: Globale Lieferketten sind fragil. Wenn Grenzen geschlossen werden und der internationale Handel ins Stocken gerät, wird die Fähigkeit eines Landes, sich selbst zu versorgen, zur strategischen Notwendigkeit. Hier spielt die lokale Landwirtschaft eine entscheidende Rolle für die nationale Resilienz.

Die Schweiz hat einen aktuellen Selbstversorgungsgrad von rund 50 Prozent (brutto). Das bedeutet, dass fast die Hälfte unserer Lebensmittel importiert werden muss. Jede Stärkung der heimischen Produktion erhöht die Ernährungssouveränität und verringert die Abhängigkeit von unberechenbaren globalen Märkten. Direktvermarktungsbetriebe haben in Krisenzeiten ihre besondere Stärke bewiesen: Während Supermarktregale leer waren, konnten viele Bauernfamilien innert Tagen auf Direktlieferungen und Hofladen-Abos umstellen und so die Versorgung in ihrer Region sicherstellen. Ihre kurzen, dezentralen Strukturen sind weitaus robuster als lange, zentralisierte Lieferketten.

Diese Idee ist in der Schweiz tief verwurzelt, wie das historische Beispiel des „Plan Wahlen“ aus dem Zweiten Weltkrieg zeigt. Dieses massive Anbauprogramm zur Steigerung der Selbstversorgung prägt bis heute das Bewusstsein für die Bedeutung einer starken heimischen Landwirtschaft. Auch Organisationen wie ProSpecieRara tragen zur Krisensicherheit bei, indem sie altes, lokales Saatgut erhalten und die Schweiz damit ein Stück unabhängiger von internationalen Saatgutkonzernen und deren Patenten machen.

Indem Sie lokal einkaufen, unterstützen Sie also nicht nur einen einzelnen Betrieb, sondern investieren in ein resilienteres Versorgungssystem für das ganze Land. Sie fördern Betriebe, die in der Lage sind, flexibel auf Krisen zu reagieren und die grundlegende Versorgung auch dann zu sichern, wenn globale Systeme versagen.

Jeder Hofladen, der dank Ihrer Unterstützung überlebt, ist ein potenzieller Knotenpunkt in einem krisenfesten, dezentralen Versorgungsnetz der Zukunft.

Wie wird der Käsekauf zum Motor für den sanften Tourismus in Randregionen?

Die Verbindung zwischen Landwirtschaft und Tourismus ist in der Schweiz besonders eng. Touristen kommen nicht nur wegen der Berge, sondern wegen des Gesamtbildes: intakte Dörfer, gepflegte Weiden und authentische kulinarische Erlebnisse. Regionale Spezialitäten wie Käse sind dabei weit mehr als nur ein Souvenir; sie sind Botschafter einer Region und ein zentraler Motor für den Tourismus.

Ein Kauf von regionalem Käse löst einen Kaskadeneffekt aus, der weit über den Bauernhof hinausreicht. Er sichert die Existenz der Käsereien, welche oft wichtige Arbeitgeber im Tal sind. Er sorgt für die bereits erwähnte Pflege der Landschaft, die wiederum die Attraktivität für Wanderer und Feriengäste steigert. Und er schafft eine touristische Identität. Die Region Gruyères hat dies perfektioniert: Ihre gesamte touristische Marke ist um den Gruyère AOP aufgebaut. Von der mittelalterlichen Stadt über die Schaukäsereien bis zu den Alpbeizli – die ganze Region profitiert vom Ansehen ihres Käses.

Diese Symbiose wird auch von staatlicher Seite anerkannt und gefördert. Das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) unterstreicht in seiner Verordnung die Wichtigkeit dieses Zusammenhangs, wie folgendes Zitat belegt:

Durch den Schutz der Kennzeichnungen soll der Mehrwert für die Berglandwirtschaft geschützt werden.

– Bundesamt für Landwirtschaft (BLW), Berg- und Alp-Verordnung

Der Schutz von Labels wie AOP oder IGP (Indication Géographique Protégée) ist also nicht nur eine Qualitätsgarantie für den Konsumenten, sondern ein gezieltes Instrument der regionalen Wirtschaftsförderung. Es schützt den Mehrwert, den ein Produkt generiert, und sorgt dafür, dass dieser in der Region bleibt und dort in Arbeitsplätze – sowohl in der Landwirtschaft als auch im Tourismus – investiert wird.

Wenn Sie also das nächste Mal ein Stück Alpkäse kaufen, denken Sie daran: Sie erwerben nicht nur ein Lebensmittel, sondern auch ein Stück gepflegte Landschaft, eine lebendige Tradition und die wirtschaftliche Grundlage für den sanften Tourismus von morgen.

Quinoa aus dem Mittelland: Wie erfinden Schweizer Bauern die Landwirtschaft neu?

Das Bild des traditionellen Bauern wird der heutigen Realität oft nicht mehr gerecht. Viele Schweizer Landwirte sind hochinnovative Unternehmer, die neue Wege gehen, um auf die veränderten Marktbedingungen und Kundenwünsche zu reagieren. Die Direktvermarktung ist dabei ein zentraler Treiber für Innovation. Sie zwingt und ermächtigt die Betriebe, sich direkt mit dem Markt auseinanderzusetzen, Nischen zu finden und ihre Produkte kreativ zu vermarkten.

Ein eindrückliches Zeichen für diesen Wandel ist der Boom der Direktvermarktung: Die Zahl der Landwirtschaftsbetriebe, die ihre Produkte direkt verkaufen, stieg innerhalb von sechs Jahren um über 60 Prozent. Dieser Trend zeigt einen klaren unternehmerischen Geist. Statt nur Rohstoffe für die Grossverteiler zu produzieren, werden die Bauern selbst zu Produzenten, Veredlern und Verkäufern. Sie experimentieren mit neuen Kulturen wie Quinoa oder Linsen im Mittelland, entwickeln innovative Produkte wie Hanf-Pesto oder Apfel-Cidre und bauen über digitale Kanäle und Abo-Modelle eine direkte Beziehung zu ihren Kunden auf.

Dieser Innovationsschub ist essenziell für die Zukunft der Schweizer Landwirtschaft. Er schafft neue Einkommensquellen, diversifiziert die Produktion und macht die Betriebe unabhängiger von den Preisschwankungen des globalen Marktes. Indem Sie direkt bei diesen innovativen Betrieben einkaufen, fördern Sie gezielt diesen Unternehmergeist. Sie ermöglichen es den Bauern, Risiken einzugehen, Neues auszuprobieren und die Landwirtschaft für die Zukunft neu zu erfinden.

Ihr Plan zur Unterstützung innovativer Landwirtschaft

  1. Ressourcen und Standortvorteile analysieren: Führen Sie eine Analyse der eigenen Ressourcen und Standortvorteile des Betriebs durch.
  2. Nischenkulturen identifizieren: Identifizieren Sie Kulturen, die zum lokalen Klima und Boden passen und eine Marktlücke füllen könnten.
  3. Kooperationen prüfen: Prüfen Sie Kooperationen mit anderen Betrieben für gemeinsame Verarbeitung, Logistik oder Vermarktung.
  4. Digitale Kanäle aufbauen: Bauen Sie moderne Vermarktungskanäle wie einen Onlineshop, Social Media und Abo-Systeme auf.
  5. Qualität zertifizieren: Streben Sie eine glaubwürdige Qualitätszertifizierung an, auch ohne teures Label-Marketing, um Vertrauen zu schaffen.

Ihr Einkauf ist somit nicht nur eine Bestätigung für bestehende Produkte, sondern auch das nötige Startkapital für die landwirtschaftlichen Innovationen von morgen.

Warum zahlen Sie beim Bauern oft weniger für Kartoffeln als im Grossverteiler?

Es ist ein weitverbreiteter Irrglaube, dass Produkte direkt vom Bauernhof immer teurer sein müssen. Während dies für hochveredelte Spezialitäten zutreffen mag, sind Grundnahrungsmittel wie Kartoffeln, Karotten oder Zwiebeln im Hofladen oft sogar günstiger als im Supermarkt. Der Grund dafür liegt nicht in geringerer Qualität, sondern in einer fundamental anderen Kostenstruktur.

Wie bereits erwähnt, entfallen in der Direktvermarktung zahlreiche Zwischenstufen. Das spart nicht nur Margen, sondern auch immense Kosten für Logistik und Transport. Doch es gibt weitere, oft übersehene Faktoren, die den Preis beeinflussen:

  • Verpackung: Im Hofladen werden Produkte oft lose oder in einfachen, wiederverwendbaren Gebinden verkauft. Im Supermarkt fallen hohe Kosten für aufwendige, markengerechte Plastikverpackungen an.
  • Kalibrierung und Ausschuss: Grossverteiler haben strenge Normen für Grösse, Form und Aussehen. Eine krumme Gurke oder eine zu kleine Kartoffel schafft es nicht ins Regal und wird oft vernichtet. Dieser Ausschuss von 30-40% muss in die Preise der verkauften Ware einkalkuliert werden. Im Hofladen findet auch die „unperfekte“ Ernte ihren Käufer.
  • Marketing: Nationale Werbekampagnen, Hochglanzprospekte und Regalmieten in den Filialen sind massive Kostenblöcke für Grossverteiler, die ein Hofladen nicht hat. Seine Werbung ist oft die Mundpropaganda zufriedener Kunden.
Frisch geerntete Kartoffeln in verschiedenen Grössen im Hofladen

Die folgende Tabelle verdeutlicht die Unterschiede in der Kostenstruktur, die sich direkt auf den Endpreis für Sie als Konsument auswirken.

Kostenstruktur: Ab-Hof-Verkauf vs. Detailhandel
Kostenfaktor Hofladen Grossverteiler
Transport Keine 2-3 Stufen
Lagerung Minimal Zentrallager + Filiale
Kalibrierung/Aussortierung Keine (alles verkaufbar) 30-40% Verlust
Marketing Lokal/Mundpropaganda Nationale Kampagnen
Verpackung Minimal/lose Aufwändige Plastikverpackungen

Der oft günstigere Preis im Hofladen ist also kein Zeichen für niedrigere Qualität, sondern das Ergebnis einer hocheffizienten, schlanken Wertschöpfungskette, von der sowohl der Produzent als auch der Konsument profitieren.

Werden auch die Mitarbeiter auf dem Bio-Hof fair behandelt?

Die Frage nach fairen Arbeitsbedingungen ist zentral für einen bewussten Konsum. Gerade in der Landwirtschaft, die für saisonale Arbeitsspitzen und intensive körperliche Arbeit bekannt ist, ist die Sorge um die Behandlung der Mitarbeiter berechtigt. Die gute Nachricht ist: In der Schweiz gibt es klare rechtliche und soziale Rahmenbedingungen, die auch für landwirtschaftliche Betriebe gelten.

Die soziale Verantwortung in der Schweizer Landwirtschaft ist nicht dem Gutdünken des Einzelnen überlassen. Wie der Schweizer Bauernverband bestätigt, existieren verbindliche Regelungen, die Mindeststandards für alle sicherstellen.

Für die Schweizer Landwirtschaft gelten branchenübliche Gesamtarbeitsverträge mit Mindestlöhnen und geregelten Arbeitszeiten.

– Schweizer Bauernverband, GAV Landwirtschaft

Diese Gesamtarbeitsverträge (GAV) legen branchenweite Mindestlöhne, Arbeits- und Ruhezeiten sowie Ferienansprüche fest. Sie gelten unabhängig davon, ob es sich um einen konventionellen oder einen Bio-Hof handelt, und bieten einen grundlegenden Schutz für die Angestellten. Viele Bio-Labels wie Bio Suisse stellen zudem weitergehende soziale Anforderungen an ihre zertifizierten Betriebe.

Über die rechtlichen Vorgaben hinaus bietet die Direktvermarktung einen einzigartigen Mechanismus der „sozialen Kontrolle“. Im Gegensatz zur Anonymität globaler Lieferketten entsteht im Hofladen eine persönliche Beziehung. Als Kunde kennen Sie den Bauern, sehen die Mitarbeiter bei der Arbeit und können sich direkt ein Bild von den Verhältnissen machen.

Im Direktverkauf besteht eine persönliche Beziehung zwischen Kunde, Bauer und oft auch den Angestellten. Diese soziale Nähe schafft eine Transparenz und eine Hemmschwelle für unfaire Behandlung, die in anonymen, globalen Lieferketten völlig fehlt. Kunden können direkt sehen, unter welchen Bedingungen gearbeitet wird.

– Kleinbauern-Vereinigung

Diese direkte, persönliche Beziehung schafft ein Mass an Transparenz und Vertrauen, das kein Label und kein Zertifikat je vollständig ersetzen kann. Der Kauf im Hofladen ist somit auch ein Votum für eine Wirtschaft, in der Menschen und ihre Arbeitsleistung sichtbar und wertgeschätzt werden.

Das Wichtigste in Kürze

  • Maximale Wertschöpfung: Bei der Direktvermarktung bleiben 70-90% des Preises beim Bauern, im Gegensatz zu 20-30% im Grosshandel, was direkt in den lokalen Wirtschaftskreislauf fliesst.
  • Landschaftspflege als Nebenprodukt: Der Kauf von Bergprodukten finanziert die Beweidung der Alpen und verhindert aktiv deren Verbuschung, was für Tourismus und Biodiversität essenziell ist.
  • Stärkung der Resilienz: Lokale Produktions- und Vertriebsstrukturen sind krisenfester als globale Lieferketten und erhöhen die Ernährungssouveränität der Schweiz.

Vom Bauern zum Konsumenten: Wie kurze Wege das Klima retten?

Das Argument der „Food Miles“ – also der Transportkilometer, die ein Lebensmittel zurücklegt – ist oft das erste, das im Kontext von lokalem Konsum und Klima genannt wird. Und es ist richtig: Ein Apfel aus der Region hat eine deutlich bessere CO2-Bilanz als einer, der per Schiff aus Neuseeland kommt. Doch der Klimavorteil kurzer Wege geht weit über die reine Transportdistanz hinaus.

Ein entscheidender Faktor ist der geschlossene Nährstoffkreislauf, wie er vor allem in der biologischen Landwirtschaft praktiziert wird. Mit einem stabilen Bio-Anteil von 18,2% an der Nutzfläche spielt dieser Ansatz in der Schweiz eine wichtige Rolle. In einem regionalen Kreislauf fressen die Tiere Futter vom eigenen Hof, ihr Mist wird als Dünger wieder auf die Felder ausgebracht, auf denen die Lebensmittel für den Menschen wachsen. Dieser Zyklus hat mehrere Klimavorteile:

  • Verzicht auf Kunstdünger: Die Herstellung von synthetischem Stickstoffdünger ist extrem energieintensiv und verursacht grosse Mengen an Treibhausgasen. Der Einsatz von hofeigenem Dünger vermeidet diese Emissionen.
  • Humusaufbau: Eine nachhaltige, organische Bewirtschaftung fördert den Aufbau von Humus im Boden. Humus ist ein gigantischer Kohlenstoffspeicher. Jeder zusätzliche Prozentpunkt Humus bindet grosse Mengen CO2 aus der Atmosphäre.
  • Weniger Kühlung und Verarbeitung: Kurze Wege bedeuten weniger Bedarf an energieintensiver Langzeitlagerung in gekühlten Hallen und weniger industrielle Verarbeitung zur Haltbarmachung.

Die Direktvermarktung fördert diese kreislaufbasierten Systeme, da sie oft mit einer diversifizierteren, nachhaltigeren Anbauweise einhergeht. Der Fokus liegt auf der Qualität und Frische des Produkts, nicht auf der uniformen Massenproduktion für den globalen Markt.

Die positiven Auswirkungen auf das Klima sind also ein Ergebnis des gesamten Systems, nicht nur der Reduzierung von Transportwegen.

Ihr Einkauf im Hofladen unterstützt somit ein Landwirtschaftsmodell, das nicht nur weniger Emissionen durch Transport verursacht, sondern aktiv zur Bindung von Kohlenstoff im Boden beiträgt und den Verbrauch von energieintensiven Hilfsstoffen minimiert. Es ist ein Beitrag zu einer klimafreundlichen Landwirtschaft, die im Einklang mit den natürlichen Zyklen arbeitet.

Häufig gestellte Fragen zur Bedeutung des lokalen Konsums

Wie reagierten Schweizer Bauern auf die COVID-19-Krise?

Während globale Lieferketten wochenlang unterbrochen waren, bewiesen lokale Betriebe ihre Flexibilität. Viele Bauernfamilien konnten innert weniger Tage auf Direktlieferungen, Hauslieferdienste und Hofladen-Abos umstellen und so die Versorgung in ihrer unmittelbaren Umgebung sicherstellen.

Welche Rolle spielt ProSpecieRara für die Versorgungssicherheit?

Die Stiftung ProSpecieRara ist entscheidend für die Erhaltung der genetischen Vielfalt in der Schweizer Landwirtschaft. Indem sie alte, robuste und an lokale Bedingungen angepasste Nutz- und Pflanzensorten erhält, bewahrt sie nicht nur ein Kulturerbe, sondern auch wertvolles Saatgut und Anbauwissen. Dies macht die Schweizer Landwirtschaft unabhängiger von internationalen Patenten und Monokulturen und stärkt die langfristige Ernährungssouveränität.

Was ist der historische Plan Wahlen?

Der „Plan Wahlen“ war ein Notprogramm während des Zweiten Weltkriegs, benannt nach dem damaligen Bundesrat Friedrich Traugott Wahlen. Ziel war es, die landwirtschaftliche Produktion in der Schweiz massiv zu steigern („Anbauschlacht“), um die Selbstversorgung der Bevölkerung trotz blockierter Importwege zu sichern. Der Plan ist bis heute ein starkes Symbol für die strategische Bedeutung der heimischen Landwirtschaft und der Ernährungssouveränität.

Geschrieben von Beat Imhof, Agrarwissenschaftler ETH und Berater für nachhaltige Landwirtschaft im Berner Seeland. Er ist spezialisiert auf Bio-Zertifizierungen, saisonalen Anbau und lokale Lieferketten.