Veröffentlicht am April 18, 2024

Entgegen der Annahme, Bio sei nur ein Label, ist pestizidfreie Landwirtschaft die Reaktivierung eines hochkomplexen, lebendigen Ökosystems unter unseren Füssen – eine systemimmanente Lebensversicherung für die Zukunft.

  • Ein lebendiges Boden-Mikrobiom (Pilze, Bakterien, Würmer) ist direkt für den Nährstoffgehalt in unserem Gemüse verantwortlich.
  • Der Verzicht auf chemisch-synthetische Pestizide und Dünger schützt aktiv das Schweizer Trinkwasser vor Nitrat- und Pestizidbelastung.

Empfehlung: Betrachten Sie jeden Bio-Einkauf nicht als Kostenfaktor, sondern als direkte Investition in die Bodengesundheit, die Artenvielfalt und die Qualität der Ressourcen, die wir künftigen Generationen hinterlassen.

Stellen Sie sich einen Schweizer Landwirt vor, der nach einem Sommerregen eine Handvoll Erde aufnimmt. Sie riecht intensiv, ist dunkel und krümelig, durchzogen von den feinen Gängen eines Regenwurms. Diese einfache Geste ist der Ausgangspunkt für alles, was auf unseren Tellern landet. Doch wir haben uns daran gewöhnt, über Landwirtschaft vor allem in Begriffen von Effizienz, Ertrag und Kosten zu sprechen. Die Diskussion dreht sich oft um Pestizid-Grenzwerte, Subventionen und die Frage, ob biologischer Anbau die Welt ernähren kann.

Diese Debatten sind wichtig, doch sie übersehen oft das Wesentliche: den Boden selbst. Wir behandeln ihn wie ein lebloses Substrat, in das wir Inputs geben, um einen Output zu erzielen. Aber was wäre, wenn die wahre Revolution darin bestünde, den Boden nicht als Fabrik, sondern als lebendigen Organismus zu begreifen? Was, wenn der Verzicht auf Pestizide nicht nur „weniger Gift“ bedeutet, sondern die Wiederbelebung eines komplexen Netzwerks, das uns kostenlos mit Fruchtbarkeit, sauberem Wasser und Klimaschutz versorgt? Genau hier liegt der Kern der Sache: Ein gesunder, pestizidfreier Boden ist keine romantische Vorstellung, sondern eine hochtechnologische, biologische Lebensversicherung für die Generationen nach uns.

Dieser Artikel nimmt Sie mit auf eine Reise unter die Oberfläche unserer Äcker. Wir werden die unsichtbaren Helfer kennenlernen, die unsere Nahrung nahrhaft machen, verstehen, wie unsere Kaufentscheidung im Supermarkt direkt die Qualität unseres Trinkwassers beeinflusst und entdecken, warum Humus das wertvollste Kapital für eine klimaresiliente Zukunft der Schweiz ist. Es ist an der Zeit, den wahren Wert unserer Böden zu erkennen.

Um die komplexen Zusammenhänge zwischen unseren Tellern und der Erde, auf der unsere Lebensmittel wachsen, zu verstehen, beleuchtet dieser Artikel die entscheidenden Aspekte der Bodengesundheit. Der folgende Überblick führt Sie durch die unsichtbare Welt des Bodenlebens bis hin zu den konkreten Auswirkungen Ihrer Entscheidungen.

Wie beeinflussen Regenwürmer und Pilze den Nährstoffgehalt Ihrer Karotte?

Ein konventioneller Acker wird oft als steriles Substrat behandelt, das mit synthetischem Dünger gefüttert wird, um Pflanzenwachstum zu erzwingen. Ein biologischer Acker hingegen ist ein pulsierendes Ökosystem. Der entscheidende Unterschied liegt im Boden-Mikrobiom: Milliarden von Bakterien, Pilzen, Algen und Kleinstlebewesen, die in einer komplexen Symbiose leben. Regenwürmer graben Gänge, die den Boden belüften und Wasserleitfähigkeit schaffen. Mykorrhiza-Pilze gehen eine Partnerschaft mit Pflanzenwurzeln ein; sie erweitern deren Reichweite um ein Vielfaches und tauschen schwer zugängliche Nährstoffe wie Phosphor gegen Zucker aus der Photosynthese. Diese biologische Aktivität ist kein Zufall, sondern das Resultat einer bewussten Bewirtschaftung, die auf den Aufbau von Leben statt auf dessen Eliminierung setzt.

Die Frage, ob Bio-Gemüse wirklich gesünder ist, findet hier ihre Antwort: Es geht nicht nur um die Abwesenheit von Pestizidrückständen, sondern um die Anwesenheit von Nährstoffen. Ein lebendiger Boden kann Mineralien viel besser aufschliessen und für die Pflanze verfügbar machen. Der DOK-Langzeitversuch, den das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) und Agroscope seit 1978 in Therwil (BL) betreiben, liefert hierfür eindrückliche Belege. Eine der zentralen Erkenntnisse aus über 40 Jahren Forschung ist, dass in den biologisch bewirtschafteten Parzellen eine um 83 % höhere Aktivität der Bodenorganismen herrscht. Diese unsichtbaren Helfer sind die wahren Köche, die aus Gesteinsmehl und organischem Material ein nahrhaftes Menü für die Karotte zubereiten.

Fallbeispiel: Der DOK-Langzeitversuch in Therwil

Seit 1978 vergleichen FiBL und Agroscope auf einer Hektare im Baselbiet biologische und konventionelle Anbaumethoden. Dieser Versuch ist einer der weltweit längsten seiner Art. Während die Bio-Systeme etwa 85 % der konventionellen Erträge erreichen, zeigen sie eine markant überlegene Bodenfruchtbarkeit und ein deutlich aktiveres Bodenleben. Der DOK-Versuch beweist, dass langfristige Fruchtbarkeit und Resilienz wichtiger sind als kurzfristige Ertragsmaximierung.

Wenn Sie also in eine Bio-Karotte beissen, schmecken Sie nicht nur die Sorte, sondern das Ergebnis der Arbeit eines ganzen Ökosystems. Die systemimmanente Fruchtbarkeit des Bodens wurde genutzt, anstatt sie durch Chemie zu ersetzen. Das macht den Boden und seine Produkte resilienter und potenziell nährstoffreicher.

Nützlinge statt Gift: Wie schützen Bio-Bauern ihre Ernte ohne Chemie?

Die konventionelle Landwirtschaft reagiert auf einen Schädlingsbefall oft mit einer einzigen Lösung: dem Einsatz von chemisch-synthetischen Pestiziden. Diese wirken schnell, aber undifferenziert. Sie töten nicht nur den Schädling, sondern auch dessen natürliche Fressfeinde sowie andere nützliche Insekten wie Bestäuber. Es ist ein Teufelskreis, der den Landwirt in eine immer grössere Abhängigkeit von externen, teuren Betriebsmitteln treibt. Allein in der Schweiz ist die Menge beträchtlich, was das Ausmass der Herausforderung verdeutlicht.

Die biologische Landwirtschaft verfolgt einen grundlegend anderen Ansatz: Statt Symptome zu bekämpfen, fördert sie ein stabiles Agrarökosystem, in dem sich Schädlinge nicht massenhaft vermehren können. Dies geschieht durch eine Vielzahl von Massnahmen, die auf die Förderung von Nützlingen abzielen. Dazu gehören:

  • Blühstreifen und Hecken: Sie bieten Lebensraum und Nahrung für Nützlinge wie Marienkäfer, Schwebfliegen und Schlupfwespen, die natürliche Gegenspieler von Blattläusen und anderen Schädlingen sind.
  • Vielfältige Fruchtfolgen: Der ständige Wechsel der angebauten Kulturen unterbricht die Lebenszyklen von auf eine Pflanzenart spezialisierten Schädlingen und Krankheiten.
  • Robuste Sorten: Die Wahl von standortangepassten und widerstandsfähigen Pflanzensorten reduziert die Anfälligkeit für Krankheiten von vornherein.

Dieser Ansatz erfordert mehr Wissen, Planung und Beobachtungsgabe vom Landwirt. Er muss die Zusammenhänge in seinem Feld verstehen und das Gleichgewicht gezielt fördern. Statt auf die chemische Keule zu warten, schafft er ein Umfeld, in dem die Natur einen Grossteil der Arbeit selbst erledigt.

Marienkäfer auf Blattläusen als natürliche Schädlingskontrolle in einer vielfältigen Schweizer Agrarlandschaft.

Die Illustration zeigt eindrücklich, wie dieses System funktioniert: Der Marienkäfer ist nicht nur ein Glücksbringer, sondern ein hoch effizienter biologischer Schädlingsbekämpfer. Indem der Bio-Bauer ihm ein Zuhause bietet, sichert er seine Ernte auf nachhaltige Weise. Es ist ein Paradigmenwechsel: von der Bekämpfung zum Management eines Ökosystems.

Warum senkt Ihr Bio-Einkauf die Nitratbelastung im Schweizer Trinkwasser?

Die Schweiz ist stolz auf ihre hohe Trinkwasserqualität, die zu einem grossen Teil aus dem Grundwasser gewonnen wird. Doch diese wertvolle Ressource ist zunehmend unter Druck. Einer der Hauptverursacher für die Belastung ist Nitrat, das vor allem durch die Auswaschung von überschüssigem Stickstoffdünger aus der Landwirtschaft ins Grundwasser gelangt. Während Stickstoff ein essenzieller Pflanzennährstoff ist, führt eine übermässige und zum falschen Zeitpunkt ausgebrachte Düngung dazu, dass die Pflanzen den Nährstoff nicht vollständig aufnehmen können. Der Rest wird vom Regen in tiefere Bodenschichten und schliesslich ins Grundwasser gespült.

Hier kommt der biologische Landbau ins Spiel. Anstatt auf leichtlösliche, synthetische Stickstoffdünger zu setzen, die schnell ausgewaschen werden, basiert die Bio-Landwirtschaft auf einem geschlossenen Nährstoffkreislauf. Organische Dünger wie Kompost oder Mist müssen von den Bodenorganismen erst mineralisiert, also für die Pflanze verfügbar gemacht werden. Dieser Prozess ist langsamer und an die Bedürfnisse der Pflanze gekoppelt. Zudem spielen Leguminosen (wie Klee oder Lupinen) eine zentrale Rolle, da sie Stickstoff aus der Luft binden und im Boden anreichern. Diese systemimmanente Düngung reduziert das Risiko der Auswaschung drastisch.

Die Daten des Bundesamtes für Umwelt (BAFU) bestätigen diesen Zusammenhang klar. Besonders in ackerbaulich intensiv genutzten Regionen des Schweizer Mittellandes werden die Grenzwerte für Nitrat im Grundwasser häufig überschritten. Die Bewirtschaftungsform hat dabei einen direkten Einfluss.

Die folgende Tabelle, basierend auf Analysen des BAFU, zeigt die deutlichen Unterschiede in der Nitratproblematik je nach landwirtschaftlicher Praxis.

Nitratbelastung nach Bewirtschaftungsform
Landwirtschaftsform Überschreitung Nitratgrenzwert Betroffene Region
Ackerbau konventionell ~50% der Messstellen Schweizer Mittelland
Grasland/Weidewirtschaft 16% der Messstellen Verschiedene Regionen
Biologischer Landbau Deutlich geringer Alle Regionen

Ihre Entscheidung für Bio-Produkte ist also mehr als eine persönliche Gesundheitsentscheidung. Sie ist ein aktiver Beitrag zum Schutz der nationalen Trinkwasserreserven. Jeder Franken, der für biologisch erzeugte Lebensmittel ausgegeben wird, unterstützt ein System, das die Belastung des Grundwassers nachweislich reduziert und somit Kosten für eine aufwendige Wasseraufbereitung in der Zukunft vermeidet. Es ist ein direkter Hebel, um die Qualität unserer wichtigsten Lebensgrundlage zu sichern.

Ist Bio wirklich ineffizienter oder zahlen wir nur den wahren Preis?

Ein hartnäckiges Argument gegen den biologischen Landbau ist seine vermeintlich geringere Effizienz. Kritiker verweisen oft darauf, dass die Erträge pro Hektar im Durchschnitt niedriger sind als im konventionellen Anbau. Diese Betrachtung ist jedoch verkürzt, da sie die „externen Kosten“ ausblendet – also die gesellschaftlichen Kosten, die durch Umweltschäden entstehen, aber nicht im Preis des Produkts abgebildet werden. Dazu gehören die Aufbereitung von nitratbelastetem Trinkwasser, der Verlust von Biodiversität durch Pestizide oder die Kosten durch Bodenerosion.

Der biologische Landbau kann als System verstanden werden, das diese Kosten von vornherein internalisiert. Anstatt die Umwelt zu belasten und die Reparatur der Gesellschaft aufzubürden, investiert er in präventive Massnahmen wie Humusaufbau, Förderung der Artenvielfalt und den Schutz des Wassers. Wenn man diese Faktoren in die Gleichung einbezieht, verschiebt sich das Bild von „Effizienz“ dramatisch. Der scheinbar günstigere Preis konventioneller Produkte ist oft nur möglich, weil die Allgemeinheit die versteckten Folgekosten trägt. Wir zahlen also so oder so – entweder direkt an der Kasse für ein ehrliches Produkt oder später über Steuern und Abgaben für die Beseitigung von Umweltschäden. Das ist das Konzept vom wahren Preis der Lebensmittel.

Eine gemeinsame Studie von FiBL Schweiz und Agroscope, die auf den 40-jährigen Daten des DOK-Versuchs basiert, untermauert dies: Biologische Landwirtschaft fördert nachweislich die Biodiversität und Bodenfruchtbarkeit und reduziert das Risiko negativer Umweltauswirkungen durch Pestizide oder Stickstoffüberschüsse. Die langfristige Resilienz und Stabilität des Systems stehen hier im Vordergrund. Der Fokus liegt nicht auf kurzfristiger Ertragsmaximierung um jeden Preis, sondern auf der Erhaltung der Produktionsgrundlagen für die Zukunft. Genau das macht es zu einer echten Lebensversicherung.

Die Weiterentwicklung zielt darauf ab, die Effizienz innerhalb des Systems weiter zu steigern, wie Jochen Mayer, Co-Leiter des DOK-Versuchs bei Agroscope, betont. Es geht darum, Kreisläufe noch besser zu schliessen.

Das Potenzial für die Weiterentwicklung der biologischen Landwirtschaft liegt vor allem im Schließen von Nährstoffkreisläufen zwischen Betrieben.

– Jochen Mayer, Agroscope, Co-Leiter DOK-Versuch

Humusaufbau: Wie wird der Acker zum CO2-Speicher statt zur Emissionsquelle?

In der Klimadebatte wird die Landwirtschaft oft als Problemsektor dargestellt, der für einen erheblichen Teil der Treibhausgasemissionen verantwortlich ist. Doch sie birgt auch ein gewaltiges Potenzial, Teil der Lösung zu werden. Der Schlüssel dazu liegt unter unseren Füssen: der Humus. Humus ist die stabile, dunkle organische Substanz im Oberboden, die aus zersetztem Pflanzen- und Tiermaterial entsteht. Er ist nicht nur entscheidend für die Bodenfruchtbarkeit und Wasserspeicherfähigkeit, sondern auch der grösste terrestrische Kohlenstoffspeicher der Welt. Ein höherer Humusgehalt bedeutet, dass mehr Kohlenstoff aus der Atmosphäre im Boden gebunden wird.

Konventionelle Bewirtschaftung mit schwerem Gerät, Monokulturen und fehlender organischer Düngung führt oft zu Humusabbau. Der im Boden gespeicherte Kohlenstoff wird freigesetzt und entweicht als CO2 in die Atmosphäre. Die biologische Landwirtschaft kehrt diesen Prozess um. Durch den konsequenten Einsatz von organischer Düngung (Mist, Kompost), den Anbau von Zwischenfrüchten und Gründüngung sowie vielfältige Fruchtfolgen mit Leguminosen wird dem Boden kontinuierlich organische Substanz zugeführt. Dieser gezielte Humusaufbau macht den Acker von einer Emissionsquelle zu einer Kohlenstoffsenke. Auch hier liefert der DOK-Versuch beeindruckende Zahlen: In den Bio-Böden wurden 16 Prozent höhere Humusgehalte nachgewiesen.

Der Aufbau von Humus ist eine der wirksamsten Methoden, um Landwirtschaft klimafreundlicher zu gestalten. Es ist eine Win-Win-Situation: Der Boden wird fruchtbarer, widerstandsfähiger gegen Trockenheit und speichert gleichzeitig CO2. Dies ist ein aktiver Beitrag zum Klimaschutz, der direkt auf dem Feld stattfindet.

Ihr Plan zum Humusaufbau im Kleinen wie im Grossen

  1. Biologisch wirtschaften: Praktizieren Sie Methoden wie Kleegrasanbau und nutzen Sie Mist oder Gülle, um den Humusgehalt zu erhalten oder zu steigern.
  2. Boden schonen: Wenden Sie reduzierte Bodenbearbeitung an, um die Bodenstruktur und das Humusgefüge so wenig wie möglich zu stören.
  3. Kompost einsetzen: Bringen Sie eine ausreichende Menge Mist, idealerweise in Form von reifem Kompost, auf die Felder aus, um stabile Humusformen zu fördern.
  4. Vielfalt säen: Etablieren Sie vielfältige Fruchtfolgen, die Leguminosen (z.B. Erbsen, Bohnen, Lupinen) und Zwischenfrüchte integrieren, um den Boden zu beleben.
  5. Boden bedecken: Praktizieren Sie Dauerbegrünung und Gründüngung in Anbaupausen, um den Boden vor Erosion zu schützen und mit organischer Masse anzureichern.

Jeder Landwirt, der Humus aufbaut, und jeder Konsument, der diese Praxis durch seinen Einkauf unterstützt, leistet einen Beitrag zur Lösung der Klimakrise. Es ist die bodenständigste Form des Klimaschutzes.

Warum sind Grenzwerte für Einzelstoffe irrelevant, wenn Sie fünf verschiedene essen?

Die Debatte um Pestizide in Lebensmitteln und im Wasser dreht sich oft um die Einhaltung gesetzlicher Grenzwerte für einzelne Substanzen. Ein Produkt gilt als unbedenklich, solange der Rückstand eines bestimmten Wirkstoffs unter dem definierten Maximum liegt. Diese Betrachtung greift jedoch zu kurz, denn sie ignoriert ein wesentliches Problem: den Cocktail-Effekt. In der Realität sind Lebensmittel und Umwelt selten nur mit einer einzigen Substanz belastet, sondern mit einem Mix aus verschiedenen Pestiziden, deren Abbauprodukten und anderen Chemikalien.

Die Forschung zu den Wechselwirkungen dieser Substanz-Cocktails steht noch am Anfang, aber es gibt zunehmend Hinweise darauf, dass die kombinierte Wirkung weit problematischer sein kann als die Summe der Einzelwirkungen. Wirkstoffe können sich gegenseitig in ihrer Toxizität verstärken oder unvorhersehbare Effekte auf Organismen haben. Ein Grenzwert für Substanz A und ein Grenzwert für Substanz B sagen nichts darüber aus, was passiert, wenn beide gleichzeitig auf einen Organismus treffen. Die Schweizer Gewässer sind ein trauriges Beispiel für diese Problematik. Eine Untersuchung im Auftrag des Bundes zeigt, dass an fast jeder zweiten Messstelle (53 Prozent) Pestizide und deren Abbauprodukte gefunden wurden, oft in Form von Mehrfachrückständen.

Fallbeispiel: Der Pestizid-Cocktail in Schweizer Gewässern

Jedes Jahr werden rund 2’000 Tonnen Pestizide über Schweizer Felder gesprüht. Ein grosser Teil davon landet früher oder später in Bächen, Flüssen und Seen. Für die dort lebenden Kleinstorganismen wie Wasserflöhe oder Bachflohkrebse, die am Anfang der Nahrungskette stehen, ist dieser Mix oft fatal. Selbst wenn die Konzentration jedes einzelnen Stoffes unter dem Grenzwert liegt, kann die Kombination der Substanzen ihre Entwicklung stören, ihre Fortpflanzung beeinträchtigen oder sie direkt töten. Dies hat verheerende Folgen für das gesamte aquatische Ökosystem.

Der biologische Landbau bietet den einzigen konsequenten Ausweg aus dieser Problematik. Durch den grundsätzlichen Verzicht auf chemisch-synthetische Pestizide wird die Entstehung solcher gefährlichen Wirkstoff-Cocktails an der Quelle verhindert. Die Entscheidung für Bio-Produkte ist somit eine Vorsorgemassnahme, die nicht nur die Belastung mit einzelnen Stoffen reduziert, sondern das unkalkulierbare Risiko von Wechselwirkungen von vornherein minimiert.

Warum braucht die Lupine keinen Dünger und verbessert unsere Böden?

Ein Grundpfeiler des biologischen Landbaus ist die Nutzung von Leguminosen. Zu dieser Pflanzenfamilie gehören Klee, Luzerne, Erbsen, Bohnen und auch die Lupine. Ihre Superkraft: Sie leben in einer Symbiose mit Knöllchenbakterien an ihren Wurzeln, die in der Lage sind, Stickstoff direkt aus der Luft zu binden und pflanzenverfügbar zu machen. Sie produzieren also ihren eigenen Dünger und reichern den Boden darüber hinaus mit wertvollem Stickstoff für die Folgekulturen an. Damit sind sie das genaue Gegenteil von starkzehrenden Kulturen wie Weizen oder Mais, die dem Boden grosse Mengen an Nährstoffen entziehen.

Der Anbau von Leguminosen in der Fruchtfolge hat gleich mehrere Vorteile für das gesamte Agrarsystem. Erstens reduziert er die Abhängigkeit von externem Dünger drastisch. Die Herstellung von synthetischem Stickstoffdünger im Haber-Bosch-Verfahren ist extrem energieintensiv und verursacht grosse Mengen an CO2. Zweitens hinterlassen Leguminosen einen stickstoffreichen und gut durchwurzelten, krümeligen Boden, was die Bodenfruchtbarkeit für nachfolgende Pflanzen verbessert. Drittens führt der geringere Einsatz von Stickstoffdünger zu deutlich niedrigeren Emissionen von Lachgas (N2O), einem Treibhausgas, das rund 300-mal klimaschädlicher ist als CO2. Studien des FiBL zeigen, dass dank niedrigeren Stickstoffgaben die Lachgasemissionen im Biolandbau um 40% tiefer sind als im konventionellen Anbau.

Die Hände eines Schweizer Bauern untersuchen die Wurzeln einer Lupine mit den typischen Knöllchenbakterien, die für die Stickstofffixierung verantwortlich sind.

Die Lupine ist ein perfektes Beispiel für diese systemimmanente Intelligenz. Ihre tiefen Pfahlwurzeln lockern verdichtete Böden, sie liefert wertvolles, proteinreiches Futter oder Lebensmittel und arbeitet gleichzeitig als natürliche Düngerfabrik. Sie ist ein Symbol für eine Landwirtschaft, die mit den Kreisläufen der Natur arbeitet, anstatt gegen sie. Anstatt einen Mangel mit einem teuren, externen Input zu beheben, wird eine Pflanze integriert, die das Problem von selbst löst und dabei noch zusätzlichen Nutzen stiftet.

Diese Strategie ist ein Paradebeispiel für die Effizienz und Eleganz biologischer Systeme. Sie zeigt, wie durchdachte Fruchtfolgen die Resilienz und Autonomie eines landwirtschaftlichen Betriebs massiv steigern können.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein lebendiger Boden mit einem aktiven Mikrobiom ist die direkte Voraussetzung für den Nährstoffgehalt und die Qualität unserer Lebensmittel.
  • Biologische Landwirtschaft schützt aktiv die Schweizer Trinkwasserreserven und das Klima, indem sie Nährstoffkreisläufe schliesst und Humus aufbaut.
  • Ihre Kaufentscheidung im Supermarkt ist ein direkter Hebel zur Förderung der Artenvielfalt und zur Reduktion von Pestizid-Cocktails in der Umwelt.

Essen gegen das Artensterben: Wie Ihr Warenkorb die Bienen rettet?

Das Bild einer blühenden Wiese voller Bienen und Schmetterlinge ist zu einem Symbol für eine intakte Umwelt geworden. Doch diese Idylle ist bedroht. Das Artensterben, insbesondere der Rückgang von bestäubenden Insekten, ist eine der grössten ökologischen Krisen unserer Zeit. Die intensive Landwirtschaft mit ihren grossflächigen Monokulturen und dem Einsatz von Pestiziden gilt als einer der Haupttreiber dieses Rückgangs. Herbizide vernichten die Ackerwildkräuter, die vielen Insekten als Nahrungsquelle dienen, und Insektizide schädigen oder töten die Bestäuber direkt.

Der biologische Landbau bietet hier einen systemischen Lösungsansatz. Durch den Verzicht auf Herbizide entsteht eine vielfältigere Ackerbegleitflora. Blühstreifen, Hecken und eine abwechslungsreiche Fruchtfolge schaffen ein Mosaik aus verschiedenen Lebensräumen und ein kontinuierliches Nahrungsangebot für Insekten über das ganze Jahr hinweg. Studien zeigen regelmässig, dass auf biologisch bewirtschafteten Flächen eine signifikant höhere Artenvielfalt und eine grössere Populationsdichte von Vögeln, Insekten und Bodenlebewesen zu finden sind. Ihr Warenkorb wird so zu einem direkten Werkzeug gegen das Artensterben.

Jedes Bio-Produkt, das Sie kaufen, ist ein Votum für eine Landwirtschaft, die Lebensräume schafft statt sie zu zerstören. Sie finanzieren damit Blühstreifen, Hecken und eine vielfältige Landschaft, die Bienen, Schmetterlingen und unzähligen anderen Arten ein Zuhause bietet. Es ist die vielleicht einfachste und direkteste Möglichkeit, sich täglich für den Erhalt der Biodiversität einzusetzen. Diese Verbindung zwischen unserem Konsum und der Gesundheit unserer Ökosysteme erfordert einen fundamentalen Wandel in der Agrarproduktion.

Die Kleinbauern-Vereinigung Schweiz fasst die Notwendigkeit dieses Wandels treffend zusammen:

Zur Bewahrung der für die Landwirtschaft notwendigen Biodiversität und langfristig gesunden und ertragreichen Böden braucht es einen Paradigmenwechsel hin zu einer pestizidfreien Produktion.

– Kleinbauern-Vereinigung Schweiz, Dossier Pestizidfreie Landwirtschaft

Letztendlich ist die Entscheidung für eine pestizidfreie Landwirtschaft mehr als nur eine Anbaumethode. Es ist die bewusste Entscheidung, die Lebensgrundlagen – fruchtbare Böden, sauberes Wasser, ein stabiles Klima und eine reiche Artenvielfalt – für die Generation unserer Enkel zu sichern. Es ist die Aktivierung unserer wertvollsten Lebensversicherung.

Nachdem Sie die vielfältigen Vorteile kennengelernt haben, können Sie nun bewusst darüber nachdenken, wie Ihr Einkaufsverhalten zur Rettung der Artenvielfalt beiträgt.

Beginnen Sie noch heute damit, Ihren Einkauf als Investition in die Zukunft zu betrachten. Jede Entscheidung für ein Produkt aus pestizidfreiem Anbau ist ein aktiver Beitrag zum Schutz unserer Böden, unseres Wassers und der Biodiversität für kommende Generationen.

Geschrieben von Beat Imhof, Agrarwissenschaftler ETH und Berater für nachhaltige Landwirtschaft im Berner Seeland. Er ist spezialisiert auf Bio-Zertifizierungen, saisonalen Anbau und lokale Lieferketten.