Veröffentlicht am Mai 15, 2024

Die Fähigkeit, die komplexen Aromen von Wein und Käse zu entschlüsseln, liegt nicht im Preis der Produkte, sondern in der Schulung deines eigenen sensorischen Instruments.

  • Geschmack entsteht zu 80 % in der Nase durch die sogenannte retronasale Wahrnehmung, nicht auf der Zunge.
  • Die richtige Reihenfolge und das passende Glas sind keine Snobismen, sondern physikalische Notwendigkeiten, um Aromen freizusetzen und eine Gaumenermüdung zu vermeiden.

Empfehlung: Beginne damit, deine Wahrnehmung aktiv zu trainieren – durch gezielte Übungen lernst du, Aromen zu isolieren, Texturen zu spüren und die Sprache des Genusses fliessend zu sprechen.

Du sitzt vor einem Glas Wein und einem Stück Käse, für die du gutes Geld bezahlt hast. Der Sommelier sprach von «Noten von nassem Stein» und der Käser von «kristallinen Reifestrukturen». Du nickst, lächelst und schmeckst vor allem: Wein und Käse. Diese Frustration, die feinen Nuancen nicht entschlüsseln zu können, die andere so blumig beschreiben, ist weit verbreitet. Viele Ratgeber bleiben bei oberflächlichen Regeln wie «Rotwein zu würzigem Käse» stehen oder listen generische Aromen auf, ohne den Weg dorthin zu weisen. Sie behandeln Wein und Käse wie Objekte mit festen Eigenschaften.

Doch was, wenn der Schlüssel nicht allein im Produkt liegt, sondern in dir? Was, wenn dein Körper – deine Nase, deine Zunge, dein Gehirn – das eigentliche Instrument ist, das nur richtig gestimmt werden muss? Die wahre Kunst der Degustation ist keine geheimnisvolle Gabe, sondern eine erlernbare Fähigkeit der Sinneswahrnehmung. Es geht darum, dein persönliches sensorisches Instrument zu kalibrieren. Statt nur passiv zu schmecken, lernst du aktiv zu analysieren, wie Aromen retronasal von deinem Rachen in die Nase steigen, wie die Textur eines Käses den Geschmack beeinflusst und wie dein Gehirn diese Signale zu einem Gesamtbild zusammensetzt.

Dieser Artikel ist dein Trainingsplan. Wir werden nicht nur Regeln aufstellen, sondern die sensorischen Mechanismen dahinter erklären. Wir führen dich von der grundlegenden Wissenschaft des Schmeckens über die Wahl der richtigen Werkzeuge bis hin zu fortgeschrittenen Techniken, mit denen du selbst das Terroir, den Boden, aus einem Walliser Weisswein herausschmecken kannst. Bereite dich darauf vor, deinen Gaumen neu zu entdecken.

Zunge oder Nase: Warum schmecken Sie nichts, wenn Sie schnupfen haben?

Das Phänomen ist universell: Bei einer starken Erkältung schmeckt selbst das Lieblingsgericht fade und eindimensional. Der Grund dafür enthüllt das grösste Geheimnis der Sensorik. Was wir umgangssprachlich als «Schmecken» bezeichnen, findet nur zu einem Bruchteil auf der Zunge statt. Unsere Zunge ist lediglich für die fünf Grundgeschmacksarten zuständig: süss, sauer, salzig, bitter und umami. Die schier unendliche Vielfalt an Aromen – von der Himbeere im Pinot Noir bis zur nussigen Note eines Gruyère – wird nicht im Mund, sondern in der Nase wahrgenommen.

Dieses Prinzip nennt sich retronasale Wahrnehmung. Beim Kauen und Schlucken werden flüchtige Aromamoleküle aus der Nahrung freigesetzt. Sie steigen durch den Rachenraum nach oben zum Riechepithel in der Nasenhöhle. Dort werden sie entschlüsselt, und erst das Gehirn kombiniert diese Aromainformation mit dem Grundgeschmack von der Zunge zu einem komplexen Geschmackserlebnis. Eine verstopfte Nase blockiert diesen Kanal, weshalb nur die grobe Information der Zunge ankommt. Du schmeckst, dass der Käse salzig ist, aber die feinen Heu- oder Röstaromen bleiben verborgen. Das Training deines Gaumens ist also in Wahrheit ein Training deiner Nase und der bewussten Verbindung zwischen Mund und Nase. Du kannst das ganz einfach selbst testen:

  • Schritt 1: Nimm ein Stück würzigen Appenzeller® Käse bei Raumtemperatur.
  • Schritt 2: Koste den Käse zunächst normal, atme dabei durch die Nase und notiere, welche Aromen (würzig, milchig, kräuterig) du wahrnimmst.
  • Schritt 3: Halte dir nun die Nase fest zu und kaue ein weiteres Stück desselben Käses. Konzentriere dich darauf, was auf deiner Zunge ankommt.
  • Schritt 4: Öffne die Nase, während du den Käse noch im Mund hast. Spüre, wie eine Welle von Aromen augenblicklich das Geschmackserlebnis vervollständigt. Dieser «Aha-Effekt» ist die pure retronasale Wahrnehmung in Aktion.

Wie beschreiben Sie Wein, ohne abgedroschene Phrasen zu nutzen?

«Fruchtig», «kräftig», «ein runder Abgang» – solche Beschreibungen sind die Sackgasse jeder Degustation. Sie sind so vage, dass sie auf Hunderte von Weinen zutreffen und dir nicht helfen, ein sensorisches Gedächtnis aufzubauen. Um deinen Gaumen wirklich zu schulen, musst du lernen, eine präzisere und persönlichere Sprache zu entwickeln. Das Ziel ist nicht, wie ein professioneller Kritiker zu klingen, sondern eine Verbindung zwischen dem Aroma im Glas und einer konkreten Erinnerung in deinem Gehirn herzustellen.

Vergiss allgemeine Begriffe und frage dich stattdessen: Woran genau erinnert mich dieser Duft? Ist es nicht nur «fruchtig», sondern erinnert es an die reifen, fast überreifen Erdbeeren aus Omas Garten im Hochsommer? Ist es nicht nur «würzig», sondern gleicht es dem Geruch von frisch gemahlenem schwarzem Pfeffer oder dem Nadelwaldboden nach einem Sommerregen? Diese persönlichen Analogien sind der Schlüssel. Dein Gehirn kann den abstrakten Duft eines Weines viel besser speichern und wiedererkennen, wenn es ihn mit einer echten, erlebten Sinneserfahrung verknüpft.

Ein Aromarad kann dabei als Starthilfe dienen. Es gliedert die Aromen von allgemeinen Kategorien (z. B. «fruchtig») zu spezifischeren (z. B. «rote Früchte») bis hin zu ganz konkreten Beispielen (z. B. «Johannisbeere», «Kirsche»). Nutze es als Inspiration, aber das eigentliche Ziel ist, dein eigenes, inneres Aromarad mit deinen persönlichen Erinnerungen zu füllen. So wird aus einem «blumigen» Weisswein vielleicht der Duft der Lindenblüten auf deinem Schulweg.

Visuelle Darstellung eines Schweizer Aromarads für Weinbeschreibungen, das regionale Produkte wie Alpenkräuter und Walliser Aprikosen zeigt.

Diese visuelle Anordnung von Schweizer Regionalprodukten symbolisiert die Idee eines Aromarads. Statt abstrakter Begriffe verbindest du den Geschmack direkt mit dem Duft von Alpenkräutern, dem Honig von Bergblumen oder den getrockneten Aprikosen aus dem Wallis. Je spezifischer und persönlicher deine Beschreibung, desto schärfer wird dein sensorisches Profil und desto unvergesslicher das Erlebnis.

Weiss vor Rot, mild vor würzig: Warum ruiniert die falsche Order Ihr Erlebnis?

Die Reihenfolge bei einer Degustation ist kein elitäres Ritual, sondern pure Sinnesphysiologie. Stell dir vor, du hörst zuerst ein lautes Rockkonzert und versuchst danach, das leise Zirpen einer Grille wahrzunehmen – es wird unmöglich sein. Genau das passiert auf deinem Gaumen, wenn du die Reihenfolge missachtest. Dieses Phänomen nennt sich sensorische Adaption oder Gaumenermüdung. Intensive Reize wie kräftige Tannine (Gerbstoffe) im Rotwein, intensive Würze eines reifen Käses oder hohe Süsse belegen deine Geschmackspapillen und überlagern nachfolgende, subtilere Eindrücke.

Ein leichter, filigraner Chasselas aus der La Côte-Region hätte nach einem kräftigen, würzigen Appenzeller® Rässkäse keine Chance mehr. Seine zarten Noten von weissen Blüten und Feuerstein würden von der intensiven Würze des Käses einfach ausgelöscht. Die traditionelle Regel «leicht vor schwer, weiss vor rot, trocken vor süss, jung vor alt» ist also ein Schutzmechanismus für deine Wahrnehmung. Sie sorgt dafür, dass jede Stufe der Degustation auf einem «sauberen» Gaumen stattfinden kann und jeder Wein und Käse die Chance bekommt, seinen Charakter voll zu entfalten.

Interessanterweise kann man diese Regel auch kreativ nutzen oder gezielt brechen, wenn man weiss, was man tut. Ein «Brückenelement» wie neutrales Weissbrot, ein Stück Nuss oder sogar ein spezifischer Käse wie der milde Sbrinz AOP kann den Gaumen zwischen zwei sehr unterschiedlichen Proben «resetten». Die folgende Tabelle, die auf Ansätzen wie jenen von Degustations-Anbietern basiert, zeigt verschiedene Herangehensweisen, die alle auf dem Prinzip der Gaumensteuerung beruhen.

Schweizer Verkostungsreihenfolge: Traditionell vs. Kreativ
Ansatz Reihenfolge Beispiel Schweizer Weine Brückenelement
Traditionell Weiss → Rosé → Rot Chasselas → Œil-de-Perdrix → Blauburgunder Neutrales Brot
Kreativ mit Käse Nach Käseintensität Sekt → Riesling → Pinot Noir Sbrinz AOP als Brücke
Rebellisch Bewusst durchbrochen Kräftiger Heida nach leichtem Dôle Analyse der Gaumenermüdung

Die bewusste Steuerung der Reihenfolge ist also ein aktives Management deiner Sinnesressourcen. Sie entscheidet darüber, ob du eine Symphonie von Aromen erlebst oder nur ein undifferenziertes Rauschen.

Warum schmeckt der teure Rotwein im Wasserglas flach?

Du hast in einen hochwertigen Blauburgunder aus der Bündner Herrschaft investiert und servierst ihn stolz in einem einfachen Wasserglas. Die Enttäuschung folgt auf dem Fuss: Der Wein riecht nach wenig und schmeckt flach und unspektakulär. Das Problem liegt nicht am Wein, sondern am Glas. Ein Weinglas ist kein beliebiges Gefäss, sondern ein präzises Werkzeug zur Aromenkonzentration. Seine Form ist entscheidend dafür, wie sich die flüchtigen Aromastoffe entfalten und zu deiner Nase gelangen.

Ein bauchiges Glas mit einer grossen Oberfläche, wie ein Burgunderglas, lässt den Wein grosszügig mit Sauerstoff in Kontakt kommen. Dies hilft komplexen, vielschichtigen Weinen wie einem Pinot Noir, sich zu «öffnen» und seine Aromen freizusetzen. Die sich nach oben verjüngende Öffnung (der Kamin) bündelt diese freigesetzten Aromen und leitet sie konzentriert zu deiner Nase. Im Gegensatz dazu hat ein Wasserglas meist eine gerade oder sich öffnende Form. Die wertvollen Aromen verflüchtigen sich unkontrolliert in den Raum, anstatt deine Nase zu erreichen. Du riechst und schmeckst somit nur einen Bruchteil dessen, was der Wein zu bieten hat.

Die Dicke des Glases und die Form des Glasrandes beeinflussen zudem, wie der Wein auf deine Zunge trifft. Ein dünner, feiner Rand leitet den Wein gezielt auf die Zungenspitze (Süssewahrnehmung) oder die Zungenseiten (Säurewahrnehmung), was das Geschmackserlebnis weiter verfeinert. Das richtige Glas ist also kein Snobismus, sondern reine Physik im Dienste des Genusses. Es agiert als Verstärker und Fokuslinse für die Aromen.

Dein Plan für den Glas-Vergleich: Der 3-Gläser-Test

  1. Besorge drei verschiedene Gläser: ein dickwandiges Wasserglas, ein Standard-Weissweinglas und ein bauchiges Burgunderglas.
  2. Wähle einen aromatischen Schweizer Wein wie einen Dôle aus dem Wallis, der sowohl rote Frucht- als auch Würznoten hat.
  3. Schenke in jedes Glas exakt die gleiche Menge (ca. 50ml) bei identischer Temperatur ein. Lasse den Wein kurz atmen.
  4. Verkoste nun nacheinander aus jedem Glas. Beginne mit dem Wasserglas. Schwenke, rieche und schmecke bewusst. Notiere die Intensität der Aromen.
  5. Wiederhole den Vorgang mit dem Weissweinglas und zuletzt mit dem Burgunderglas. Achte auf die Unterschiede in der Nase und am Gaumen. Der Unterschied wird dich verblüffen.

Discounter oder Winzer: Trauen Sie sich den Blindtest zu?

Das Etikett ist der grösste Feind des objektiven Schmeckens. Ein bekannter Name, ein hoher Preis oder ein preisgekröntes Design beeinflussen unsere Erwartungshaltung und damit unsere Wahrnehmung massiv. Wir wollen, dass der teure Wein vom renommierten Winzer besser schmeckt, also schmeckt er auch besser. Um diesem psychologischen Effekt, dem sogenannten Erwartungsfehler, zu entkommen und deinen Gaumen wirklich zu testen, gibt es nur eine Methode: die Blindverkostung.

Bei einer Blindverkostung werden die Flaschen verhüllt oder der Wein in neutrale Karaffen umgefüllt und die Gläser nummeriert. Plötzlich bist du allein mit dem Inhalt des Glases. Alle Vorurteile sind verschwunden. Jetzt zählt nur noch, was deine Sinne dir tatsächlich mitteilen. Oft sind die Ergebnisse überraschend: Ein günstiger Wein vom Grossverteiler kann plötzlich harmonischer wirken als das teure Gewächs, oder ein unterschätzter Käse entpuppt sich als Aromenwunder.

Ein Setup für eine Blindverkostung mit nummerierten Weingläsern und anonymen Käseproben auf einem Tisch.

Die Blindverkostung ist das ultimative Training, um dein sensorisches Instrument zu kalibrieren. Sie zwingt dich, dich auf die reinen Fakten zu konzentrieren: Wie intensiv ist die Farbe? Welche Aromen rieche ich wirklich? Wie ist die Struktur am Gaumen – die Säure, die Tannine, der Körper? Du lernst, dem Urteil deiner eigenen Sinne zu vertrauen, anstatt dich von Marketing beeinflussen zu lassen. Es ist die ehrlichste Form der Auseinandersetzung mit Wein und Käse.

Fallbeispiel: Gruyère AOP – Alpage vs. Industrie

Der Gruyère AOP ist mit über 30’000 Tonnen jährlich eine der meistproduzierten Käsesorten der Schweiz. Ein Blindtest zwischen einem industriell hergestellten Gruyère (12 Monate gereift) und einem Gruyère d’Alpage AOP (18 Monate auf der Alp gereift) offenbart Welten. Während beide gut sind, zeigt der Alpage-Käse eine deutlich komplexere Aromatik von gerösteten Nüssen und Bouillon, eine festere, kristallinere Textur und einen längeren Abgang. Ohne das Etikett zu sehen, lernst du, diese Qualitätsmerkmale, die aus der Rohmilch, der traditionellen Herstellung und der längeren Reifezeit resultieren, direkt zu identifizieren.

Schiefer oder Kalk: Wie schmecken Sie den Stein im Walliser Weisswein?

Wenn Weinkenner von «Mineralität» sprechen, klingt das oft esoterisch. Wie kann man Stein schmecken? Tatsächlich handelt es sich um eine der faszinierendsten, aber auch schwierigsten Disziplinen der Verkostung. Mineralität ist kein direkter Geschmack wie Salzigkeit, sondern ein komplexer Gesamteindruck, der sich aus Geruch, Geschmack und vor allem Mundgefühl zusammensetzt. Er beschreibt eine Wahrnehmung, die an nasse Kieselsteine, Feuerstein, Kreide oder Graphit erinnert. Dieser Eindruck wird massgeblich vom Terroir geprägt – dem Zusammenspiel von Boden, Klima, Topografie und der Arbeit des Winzers.

Im Schweizer Wallis lässt sich dieses Phänomen exemplarisch studieren. Die Böden hier sind extrem vielfältig. Eine Petite Arvine, die auf den dunklen, wärmespeichernden Schieferböden um Sitten wächst, zeigt oft eine straffe, fast elektrische Säure und Aromen, die an nassen Stein und Grapefruitzeste erinnern. Der Wein wirkt vertikal und spannungsgeladen. Nur wenige Kilometer entfernt, in den höchsten Weinbergen Europas bei Visperterminen, wächst die Heida-Traube (Savagnin Blanc) auf hellen, kargen Kalk- und Glimmerschieferböden. Das Resultat ist ein Wein mit einer breiteren, fast cremigen Textur, einer subtileren Säure und einer mineralischen Note, die man eher als «kreidig» oder «staubig» beschreiben würde.

Terroir-Vergleich im Glas: Petite Arvine vs. Heida

Stelle eine Petite Arvine von einem Schieferboden einer Heida von einem Kalkboden direkt gegenüber. Schliesse die Augen und konzentriere dich auf die Unterschiede. Die Petite Arvine wird sich wahrscheinlich durch eine prägnante, zitrische Spannung und einen fast salzigen Eindruck im Abgang auszeichnen – das ist die Signatur des Schiefers. Die Heida hingegen wird den Gaumen breiter auskleiden, mit einer Textur, die an feinen Kalkstaub erinnert, und Aromen von Bergkräutern und exotischen Früchten. Du schmeckst nicht den Stein direkt, aber du schmeckst den Einfluss, den er auf die Rebe und ihre Physiologie hatte.

Um diese subtilen Noten zu entschlüsseln, helfen praktische Übungen, dein Gehirn für diese Art von Wahrnehmung zu sensibilisieren:

  • Lecke an einem sauberen, nassen Flusskiesel. Diese reine, kühle, leicht erdige Empfindung ist die Ur-Referenz für steinige Mineralität.
  • Vergleiche destilliertes Wasser mit einem hochmineralisierten Wasser (z.B. aus Vals). Achte auf das unterschiedliche Mundgefühl und den Abgang.
  • Beschreibe die Textur am Gaumen mit Analogien: Fühlt es sich an wie Seide (glatt), Samt (weich), Kreide (staubig) oder feines Schmirgelpapier (adstringierend)?

Wie lernen Sie wieder zu kauen, um Blähungen und Völlegefühl zu vermeiden?

In unserer hektischen Welt ist Kauen oft nur noch ein Mittel zum Zweck: Nahrung zerkleinern, um sie schlucken zu können. Dabei übersehen wir, dass bewusstes Kauen ein fundamentaler Bestandteil der Verdauung und des Genusses ist. Es ist der erste, entscheidende Schritt, um Aromen freizusetzen und dem Körper die Arbeit zu erleichtern. Schlingen wir unsere Nahrung fast unzerkaut hinunter, führt das oft zu Blähungen und einem unangenehmen Völlegefühl, da der Magen mit zu grossen Stücken überfordert ist. Gleichzeitig verpassen wir einen Grossteil des Geschmackserlebnisses.

Gerade bei Wein und Käse, Produkten mit komplexen Texturen, ist die Art des Kauens entscheidend. Die texturale Signatur eines Lebensmittels – ob es cremig, kristallin, bröckelig oder elastisch ist – bestimmt, wie und wann es seine Aromen freigibt. Ein langsames, bewusstes Kauen wärmt den Käse im Mund an, bricht seine Struktur auf und setzt so die eingeschlossenen Aromamoleküle frei, die dann retronasal zur Nase aufsteigen können. In der Schweiz, wo im Jahr 2023 fast 200’000 Tonnen Käse mit unterschiedlichsten Texturen hergestellt wurden, ist diese Vielfalt ein perfektes Trainingsfeld.

Makroaufnahme, die die kristalline Struktur eines gereiften Sbrinz-Käses im Kontrast zur cremigen Textur einer Tomme Vaudoise zeigt.

Diese Makroaufnahme zeigt, was im Mund passiert. Die knackigen Reifekristalle in einem extraharten Sbrinz AOP erfordern kräftiges Kauen, das nach und nach intensive Röstaromen und eine tiefe Salzigkeit freilegt. Im Gegensatz dazu schmilzt eine weiche, cremige Tomme Vaudoise fast von selbst auf der Zunge und gibt ihre milden, milchigen und pilzartigen Noten schnell frei. Bewusstes Kauen bedeutet, sich auf diese Textur einzulassen und den Zerkleinerungsprozess zu spüren.

Fallbeispiel: Textur-Verkostung Sbrinz vs. Tomme Vaudoise

Nimm dir ein kleines Stück Sbrinz. Kaue es 20 bis 30 Mal langsam und bewusst. Spüre, wie sich die Kristalle auflösen und die Aromen sich von salzig-würzig zu süsslich-karamellig entwickeln. Nimm danach ein Stück Tomme Vaudoise. Hier genügen wenige Kaubewegungen, um die cremige Masse am Gaumen zu verteilen. Der Geschmack ist sofort präsent, aber auch flüchtiger. Dieser Vergleich lehrt dich, dein Kautempo und deine Kaukraft intuitiv an die Textur des Lebensmittels anzupassen, um das maximale Aroma zu extrahieren.

Das Wichtigste in Kürze

  • Sensorik ist eine Fähigkeit, kein Talent: Geschmack entsteht im Gehirn durch das Zusammenspiel von Zunge und Nase (retronasale Wahrnehmung). Diese Verbindung kann und muss trainiert werden.
  • Kontext ist alles: Das richtige Glas, die korrekte Reihenfolge und die Vermeidung von Erwartungsfehlern (z.B. durch Blindtests) sind keine Nebensächlichkeiten, sondern entscheidende Werkzeuge zur Schärfung der Sinne.
  • Von der Analyse zur Achtsamkeit: Bewusstes Kauen und die Konzentration auf Texturen setzen nicht nur mehr Aromen frei, sondern verwandeln die Nahrungsaufnahme in einen Akt der Entspannung und des Wohlbefindens.

Wie senken Sie Ihr Stresslevel in der Mittagspause in nur 20 Minuten?

Die Mittagspause ist für viele ein stressiger Wettlauf gegen die Zeit, oft vor dem Bildschirm verbracht. Doch gerade hier liegt eine ungenutzte Chance, das Nervensystem zu beruhigen und neue Energie zu tanken. Die Prinzipien der bewussten Degustation lassen sich perfekt in eine kurze, aber hochwirksame Genuss-Meditation verwandeln. Anstatt Wein und Käse zu analysieren, nutzt du sie als Anker für deine Aufmerksamkeit, um aus dem Gedankenkarussell des Arbeitsalltags auszusteigen.

Das Ziel ist nicht, eine komplette Mahlzeit zu ersetzen, sondern einen bewussten Moment des Innehaltens zu schaffen. Ein kleines Stück hochwertigen Käses, zum Beispiel eine von Hand gedrehte Rosette Tête de Moine AOP, ein paar Baumnüsse und vielleicht ein alkoholfreier Apfelschaumwein reichen völlig aus. Es geht darum, den Akt des Essens aus der Automatik herauszuholen und ihn in ein sinnliches Ritual zu verwandeln. Indem du deine gesamte Aufmerksamkeit auf die Sinneswahrnehmungen lenkst – den Anblick, den Geruch, die Textur, den Geschmack –, gibst du deinem Gehirn keine Chance, über die nächste E-Mail oder das anstehende Meeting zu grübeln. Dies ist die Essenz der Achtsamkeit.

Diese Praxis senkt nachweislich den Spiegel des Stresshormons Cortisol und aktiviert das parasympathische Nervensystem, das für Ruhe und Erholung zuständig ist. Du musst dafür kein Experte sein oder teure Produkte verwenden. Es geht einzig und allein um deine Haltung und deine volle Konzentration auf den gegenwärtigen Moment.

Hier sind einige Prinzipien für deine 20-minütige Genuss-Meditation:

  • Richte deinen Genussplatz ein: Schaffe eine bewusste Trennung vom Arbeitsplatz. Lege eine Serviette aus, richte das Stück Käse und die Nüsse ansprechend an. Allein dieser Akt signalisiert deinem Gehirn den Beginn einer Pause.
  • Sehen und Riechen vor dem Schmecken: Nimm dir eine Minute Zeit, um das Essen nur zu betrachten. Welche Farben und Formen siehst du? Rieche dann daran. Welche Düfte nimmst du wahr, bevor es überhaupt deinen Mund berührt?
  • Verlangsame das Kauen radikal: Nimm einen kleinen Bissen und lege das Besteck weg. Kaue extrem langsam und konzentriere dich voll und ganz auf die sich verändernde Textur und die sich entfaltenden Aromen im Mund.
  • Spüre nach: Nachdem du geschluckt hast, schliesse für einen Moment die Augen. Welcher Geschmack bleibt zurück? Wie fühlt sich dein Körper an? Diese Nachspürphase ist oft der entspannendste Teil der Übung.

Beginne noch heute deine sensorische Reise. Nimm dir ein Stück Käse, schenke dir ein Glas Wein ein und beginne, nicht nur zu schmecken, sondern wirklich zuzuhören, was deine Sinne dir zu erzählen haben.

Geschrieben von Marcel Rochat, Ehemaliger Sous-Chef in der Spitzengastronomie und heutiger Kursleiter für Kochtechniken. Er ist Experte für Fleischqualität, traditionelle Schweizer Gerichte und Gourmet-Küche für zu Hause.