Veröffentlicht am März 15, 2024

Vegan sein in der Schweiz ist kein Verzicht, sondern eine Übung in kulinarischer Diplomatie und Kreativität.

  • Entdecken Sie schlagfertige Antworten auf die typische Frage: „Und was isst du dann noch?“.
  • Lernen Sie, wie Sie Schweizer Klassiker wie Gratin oder Fondue vegan meistern und geniessen.
  • Erfahren Sie, wie Sie selbst im traditionellsten Landgasthof mehr als nur einen Beilagensalat finden.

Empfehlung: Konzentrieren Sie sich darauf, Schweizer Traditionen mit einem Augenzwinkern neu zu interpretieren, anstatt gegen sie anzukämpfen. So wird der Veganismus zur Bereicherung für alle.

Ah, das Schweizer Familienfest. Der Duft von geschmolzenem Käse und Braten liegt in der Luft. Sie sitzen am Tisch, bewaffnet mit einem Lächeln und der festen Überzeugung, heute Abend nicht nur den faden Beilagensalat zu essen. Dann kommt der Moment, den jeder pflanzlich lebende Eidgenosse kennt. Onkel Ruedi beugt sich über den Tisch, mustert Ihren leeren Teller und fragt mit einer Mischung aus Mitleid und echter Verwirrung: „Aber… was isst du denn dann überhaupt noch?“. Herzlich willkommen im Club. Vegan leben in der Schweiz fühlt sich manchmal an wie ein Extremsport im Land, dessen kulinarische Identität auf Milchprodukten und Fleisch aufgebaut ist.

Viele Ratgeber schlagen vor, einfach eigene Tupperware-Gerichte mitzubringen oder sich mit allgemeinen Gesundheitsvorteilen zu rechtfertigen. Doch das führt oft nur zu weiterer Distanz und dem Gefühl, ein komplizierter Aussenseiter zu sein. Man wird zum „Problem“ am Tisch, das es zu lösen gilt. Doch was wäre, wenn der Schlüssel nicht darin liegt, sich abzugrenzen, sondern die Schweizer Esskultur clever zu umarmen und neu zu gestalten? Wenn es nicht um Verzicht, sondern um kulinarische Diplomatie ginge?

Dieser Guide ist Ihr Kompass für den veganen Alltag in der Schweiz. Es geht nicht darum, Fondue und Raclette den Kampf anzusagen, sondern darum, mit Witz, Strategie und ein paar Geheimzutaten souverän durch jede soziale Essensfalle zu navigieren. Wir zeigen Ihnen, wie Sie nicht nur „überleben“, sondern wie Sie Diskussionen elegant meistern, traditionelle Gerichte neu denken und beweisen, dass pflanzliche Ernährung und Schweizer Genusskultur wunderbar zusammenpassen. Vergessen Sie den Überlebensmodus – es ist Zeit für die Genuss-Offensive.

In den folgenden Abschnitten finden Sie praxiserprobte Strategien und Antworten, um Ihren veganen Lebensstil in der Schweiz nicht nur zu verteidigen, sondern ihn mit Freude und Souveränität zu leben. Machen Sie sich bereit, Onkel Ruedi zu beeindrucken.

Was antworten Sie, wenn der Onkel fragt: „Und was isst du dann noch?“

Die Frage aller Fragen, oft gestellt mit ehrlich gemeinter Sorge. Der beste Konter ist kein Vortrag über Ethik, sondern eine enthusiastische und vor allem spezifisch schweizerische Antwort. Zunächst ein Fakt zur Beruhigung: Sie sind nicht allein. Eine wachsende Minderheit isst wie Sie; eine Studie zeigt, dass sich bereits über 5,3% der Schweizer Bevölkerung vegetarisch oder vegan ernähren. Das können Sie beiläufig erwähnen, um das Gespräch von einer persönlichen Marotte auf ein gesellschaftliches Phänomen zu lenken.

Die eigentliche Magie liegt jedoch darin, dem Gegenüber das Wasser im Mund zusammenlaufen zu lassen. Statt zu sagen „Gemüse und so“, werden Sie konkret und wecken Sie Neugier. Ihre Antwort sollte wie das Menü eines hippen Restaurants klingen und gleichzeitig tief in der Schweizer Tradition verwurzelt sein. Es geht um „Tradition neu gedacht“. Sprechen Sie nicht darüber, was wegfällt, sondern darüber, was dazukommt und wie Sie Klassiker neu entdecken.

Hier ist eine Liste, von der Sie sich für Ihre nächste Antwort inspirieren lassen können. Präsentieren Sie diese Optionen nicht als Ersatz, sondern als köstliche Hauptgerichte:

  • Cremige Polenta aus dem Tessin mit Pilzragout und frischen Kräutern.
  • Herzhaftes Walliser Roggenbrot mit selbstgemachten Aufstrichen aus Linsen oder Sonnenblumenkernen.
  • Ribelmais aus dem Rheintal, traditionell zubereitet, als Basis für ein reichhaltiges Gemüsegericht.
  • Eine vegane Version von Zürcher Geschnetzeltem, zubereitet mit Schweizer pflanzlichen Alternativen und serviert mit knuspriger Rösti.
  • Ein Risotto, aber statt mit Reis mit regionaler Hirse oder Dinkel für eine nussige Note.

Wenn Onkel Ruedi dann immer noch skeptisch schaut, lächeln Sie und sagen: „Im Grunde esse ich alles, was schmeckt – nur eben die clevere Version davon.“ Das beendet die Diskussion meist mit einem Schmunzeln und etabliert Sie als Geniesser, nicht als Asket.

Cashew oder Kokosfett: Welcher Ersatz schmilzt wirklich auf dem Auflauf?

Ein Gratin ohne goldbraune, geschmolzene Käsekruste ist für viele Schweizer schlicht undenkbar. Das ist oft die grösste Hürde bei der Veganisierung von Klassikern wie Älplermagronen oder einem Kartoffelgratin. Die gute Nachricht: Die Zeiten von gummiartigen, traurig aussehenden Käse-Imitaten sind vorbei. Die Entwicklung bei pflanzlichen Käsealternativen ist rasant, und Schweizer Grossverteiler wie Migros und Coop haben mit ihren Eigenmarken stark aufgeholt. Die Herausforderung liegt darin, das richtige Produkt für den richtigen Zweck zu finden, denn nicht jeder „Käse“ schmilzt gleich gut.

Die Schmelzfähigkeit hängt stark von der Fettbasis ab. Produkte auf Basis von Kokosfett neigen dazu, gut zu schmelzen und eine überzeugende, leicht ölige Konsistenz zu bilden, die an echten Käse erinnert. Alternativen auf Basis von Cashew- oder Mandelnüssen ergeben oft eine cremigere, bechamel-ähnliche Sauce, die sich perfekt eignet, um Gerichte zu binden, aber nicht immer die klassische „ziehende“ Eigenschaft hat. Für die perfekte Kruste ist oft eine Kombination die beste Lösung: eine cremige Cashew-Sauce als Basis und ein gut schmelzender Reibekäse auf Kokosfett-Basis als Topping.

Goldbrauner veganer Gratin mit geschmolzenem pflanzlichem Käse

Wie das Bild beweist, ist eine appetitliche, goldbraun gebackene und perfekt geschmolzene Käsekruste absolut möglich. Der Schlüssel liegt in der Auswahl der richtigen Produkte. Der folgende Überblick bietet eine Orientierungshilfe für Ihren nächsten Einkauf in der Schweiz:

Vegane Käsealternativen für Schweizer Aufläufe
Produkt Erhältlich bei Schmelzeigenschaft Geschmack Preis
V-Love (Migros) Migros Sehr gut Mild-nussig Mittel
Karma (Coop) Coop Gut Würzig Mittel
Soyana Bioläden Sehr gut Käseähnlich Höher
Vegusto Bioläden Ausgezeichnet Intensiv Höher
Cashew-Sauce (selbstgemacht) Cremig Mild-nussig Günstig

Experimentieren Sie! Manchmal führt die Kombination von zwei verschiedenen Sorten zum besten Ergebnis. Und keine Angst vor der selbstgemachten Cashew-Sauce: Sie ist einfacher zubereitet, als man denkt, und eine unschlagbar günstige und leckere Basis für jeden Auflauf.

Hefeflocken und Kichererbsenwasser: Welche 5 Zutaten retten jedes vegane Gericht?

Jeder erfahrene vegane Koch hat ein kleines Arsenal an „Geheimwaffen“ im Vorratsschrank. Das sind Zutaten, die Gerichten Tiefe, Umami oder eine bestimmte Textur verleihen, die sonst durch tierische Produkte entstehen würde. In der Schweizer Küche, die oft von Käse, Rahm und Speck geprägt ist, sind diese Helferlein Gold wert. Sie ermöglichen es, den vertrauten Geschmack von Heimat nachzubauen, ohne Kompromisse eingehen zu müssen. Es geht darum, die Geschmacksprofile zu verstehen und gezielt zu ersetzen.

Diese Zutaten sind nicht nur exotische Spezialitäten, sondern oft in Bioläden, Reformhäusern oder sogar gut sortierten Supermärkten erhältlich. Sie sind die Grundlage für eine kreative und vielseitige pflanzliche Küche, die weit über das einfache Weglassen hinausgeht. Mit ihnen können Sie Saucen verfeinern, Desserts zaubern und sogar den rauchigen Geschmack von Speck imitieren.

Fallbeispiel: Schweizer Tradition neu interpretiert

Die erfolgreiche Schweizer Food-Bloggerin Mrs Flury ist ein Paradebeispiel dafür, wie man traditionelle Rezepte veganisiert. In ihrem Rezept für veganes Magenbrot zeigt sie, wie Klassiker der Schweizer Backtradition ohne Milch, Eier oder Butter gelingen können. Durch den Einsatz von pflanzlicher Milch und Ahornsirup wird das Gebäck nicht nur vegan, sondern bleibt auch aussergewöhnlich lange saftig und frisch. Ihr Erfolg beweist, dass die Schweizer Küche bereit ist für eine pflanzliche Evolution.

Um Ihnen den Einstieg zu erleichtern, hier die fünf unverzichtbaren Rettungs-Zutaten für jede vegane Schweizer Küche:

  1. Hefeflocken (Edelhefe): Die wichtigste Zutat für einen käsigen, würzigen Geschmack. Perfekt für Saucen, über Pasta wie Pizokel gestreut oder zur Herstellung von veganem Parmesan.
  2. Rauchsalz oder Liquid Smoke: Verleiht Gerichten den typischen rauchigen Geschmack, der an Speck oder geräucherten Schinken erinnert. Unverzichtbar für eine vegane Berner Platte oder Linseneintöpfe.
  3. Apfelessig (z.B. aus dem Thurgau): Viele vegane Gerichte wirken flach. Ein Schuss guter Essig bringt die nötige Säure und hebt alle anderen Aromen hervor. Essentiell in Saucen, Dressings und Eintöpfen.
  4. Aquafaba (Kichererbsenwasser): Das Abtropfwasser von Kichererbsen aus der Dose oder dem Glas ist ein Wundermittel. Aufgeschlagen wie Eiweiss, wird es zur Basis für luftige Mousse au Chocolat, Makronen oder eine vegane Version der Basler Läckerli.
  5. Misopaste: Diese fermentierte Sojabohnenpaste ist eine Umami-Bombe. Ein Teelöffel in Suppen, Saucen oder Marinaden sorgt für eine unglaubliche Geschmackstiefe, die sonst nur durch langes Schmoren von Fleisch entsteht.

Mit diesen fünf Zutaten im Schrank sind Sie für fast jede kulinarische Herausforderung gewappnet und können den Geschmack der Schweiz auf pflanzliche Weise neu entdecken.

Der Pudding-Veganer: Warum sind Pommes und Cola keine gesunde pflanzliche Ernährung?

Vegan zu leben ist oft mit dem Bild von leuchtend bunten Salaten, Superfood-Smoothies und purer Gesundheit verbunden. Doch es gibt eine Falle, in die besonders Anfänger tappen: der „Pudding-Veganismus“. Dieser Begriff beschreibt eine Ernährungsweise, die zwar streng pflanzlich ist, aber hauptsächlich aus hochverarbeiteten Lebensmitteln, Weissmehlprodukten, Zucker und Fett besteht. Pommes Frites, Cola, Chips, vegane Kekse und Fertiggerichte sind zwar technisch gesehen vegan, bilden aber keine Grundlage für eine gesunde Ernährung.

Das Problem ist, dass der Verzicht auf tierische Produkte allein noch keine Garantie für eine ausreichende Nährstoffzufuhr ist. Eine Ernährung, die reich an leeren Kalorien ist, kann auch auf pflanzlicher Basis zu Mangelerscheinungen, Übergewicht und Energiemangel führen. Eine Studie der Berner Fachhochschule und der ETH Zürich ist hier ernüchternd: Sie zeigt, dass nur 25% der Schweizer Veganer die Empfehlungen für grünes Blattgemüse und kalziumangereicherte Lebensmittel erfüllen. Dies unterstreicht die Notwendigkeit, bewusst auf eine vollwertige Ernährung zu achten.

Vergleich zwischen vollwertigem veganem Teller und veganem Junkfood

Der visuelle Kontrast ist deutlich: Eine Mahlzeit aus frischem Gemüse, Hülsenfrüchten und Vollkorn liefert nachhaltige Energie, Vitamine und Mineralstoffe. Eine Mahlzeit aus veganem Junkfood führt hingegen oft zu einem schnellen Blutzuckeranstieg und einem darauffolgenden Energietief. Es ist entscheidend, den Fokus von dem, was man weglässt (Fleisch, Milch, Eier), auf das zu lenken, was man aktiv hinzufügt: eine Vielfalt an Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten, Nüssen, Samen und Vollkornprodukten.

Natürlich haben auch Pommes und vegane Schokolade ihren Platz als Genussmittel. Der Schlüssel liegt jedoch in der Balance. Eine vollwertige pflanzliche Ernährung sollte die Basis sein, während verarbeitete Produkte die Ausnahme bleiben – genau wie bei jeder anderen gesunden Ernährungsform auch.

Wie finden Sie in einem traditionellen Landgasthof etwas Veganes ausser Beilagensalat?

Es ist das ultimative Endgegner-Szenario für Schweizer Veganer: die Einladung in eine urchige Landbeiz, in der die Speisekarte seit 1987 nicht mehr geändert wurde und „Gemüseteller“ als Synonym für drei zerkochte Karotten in Buttersauce gilt. Aufgeben und nur Brot essen? Niemals! Mit etwas Vorbereitung und der richtigen Kommunikation – wir nennen es „kulinarische Diplomatie“ – können Sie fast überall eine anständige Mahlzeit bekommen. Der Schlüssel ist, proaktiv, freundlich und lösungsorientiert zu sein.

Anstatt zu fragen „Haben Sie etwas Veganes?“, was in einer traditionellen Küche für Verwirrung sorgen kann, ist es oft effektiver, konkrete, einfache Vorschläge zu machen, die auf vorhandenen Zutaten basieren. Die meisten Küchen haben Kartoffeln, Zwiebeln, Gemüse und Öl. Darauf lässt sich aufbauen. Der berühmte „Rösti-Trick“ ist hierbei Ihr bester Freund: Fragen Sie nach einer Rösti, aber explizit „ohne Speck und mit Öl anstelle von Bratbutter gebraten“. Das ist eine einfache Anweisung, die jede Küche umsetzen kann. Kombiniert mit einem Salat (Dressing separat verlangen oder eigenes mitbringen), haben Sie bereits eine solide Mahlzeit.

Die Art der Kommunikation ist entscheidend. Eine freundliche, nicht fordernde Haltung und vielleicht sogar ein Anruf im Voraus können Wunder wirken. Wenn Sie im Dialekt fragen „Entschuldigung, chönd Sie für mich eventuell e Röschti nur mit Öl mache?“, signalisieren Sie Kooperationsbereitschaft statt Komplikation. Bereiten Sie sich auf solche Situationen vor, um souverän und entspannt zu bleiben.

Ihr Schlachtplan für traditionelle Schweizer Gasthöfe

  1. Der Rösti-Trick: Bitten Sie um eine Rösti, die ohne Speck und in Pflanzenöl statt Bratbutter zubereitet wird. Ein Klassiker, der fast immer funktioniert.
  2. Die Beilagen-Beförderung: Fragen Sie aktiv nach den vorhandenen Beilagen wie Salzkartoffeln, Polenta oder Gemüse und bitten Sie darum, diese ohne Butter oder Rahm zu servieren.
  3. Freundliche Kommunikation: Rufen Sie wenn möglich vorher an. Eine direkte, freundliche Frage wie „Chönd Sie das für mich ohni Butter mache?“ ist oft erfolgreicher als eine pauschale „vegan“-Anfrage.
  4. Das Notfall-Kit: Haben Sie immer eine kleine Tüte Nüsse, Kerne oder ein Mini-Salatdressing dabei. So können Sie einen einfachen Salat oder eine Gemüsebeilage schnell aufwerten.
  5. Die Bratkartoffel-Alternative: Fragen Sie nach einer einfachen Bratkartoffelpfanne mit Zwiebeln und vielleicht etwas Gemüse. Eine simple, aber sättigende Option, die fast jede Küche zaubern kann.

Am Ende geht es darum, Brücken zu bauen. Zeigen Sie, dass Sie flexibel sind, und geben Sie dem Küchenteam eine einfache Möglichkeit, Ihnen entgegenzukommen. Oft sind die Leute hilfsbereiter, als man denkt, wenn man ihnen eine klare und einfache Lösung anbietet.

Fleischesser und Veganer am selben Tisch: Was kochen Sie, damit alle satt werden?

Die Einladung von Freunden oder Familie mit unterschiedlichen Ernährungsweisen kann Stress verursachen. Die Lösung ist jedoch einfacher und integrativer, als separate Menüs für jede Gruppe zu kochen. Der beste Ansatz ist das „Baukasten-Prinzip“ oder, wie es die ETH Zürich nennt, das „Tavolata-Prinzip“. Dabei wird eine reichhaltige, köstliche vegane Basis geschaffen, zu der sich jeder nach Belieben nicht-vegane Komponenten hinzufügen kann. Dies fördert das Gemeinschaftsgefühl, anstatt zu trennen.

Stellen Sie sich einen grossen Topf Polenta oder ein Blech mit Ofengemüse und Rosmarinkartoffeln in der Mitte des Tisches vor. Dazu gibt es verschiedene Salate, Saucen und Hummus. Das ist die vegane Grundlage, an der sich alle bedienen. Separat dazu können Sie dann ein Stück Fleisch, Fisch oder Käse anbieten. So fühlt sich niemand ausgeschlossen, und der Fokus liegt auf dem gemeinsamen Essen. Dieser Ansatz verlagert auch die Wahrnehmung: Das vegane Essen ist nicht die „seltsame Ausnahme“, sondern das Herzstück der Mahlzeit, das für alle da ist.

Fallbeispiel: Das Tavolata-Prinzip der ETH Zürich

Die ETH Zürich hat ihr vegetarisches und veganes Angebot erfolgreich auf 50 % des Gesamtangebots ausgebaut. Wie eine Analyse des Fussabdrucks in der Gastronomie zeigt, setzt die Hochschule auf das „Tavolata-Prinzip“. Es gibt eine vegane Basis, die durch optionale Add-ons (Fleisch, Käse) ergänzt werden kann. Dieser Ansatz hat sich als äusserst erfolgreich erwiesen, um die Akzeptanz für pflanzliche Gerichte zu steigern und gleichzeitig allen Gästen gerecht zu werden. Ein Modell, das sich perfekt auf private Einladungen übertragen lässt.

Für eine gelungene gemischte Tafel eignen sich Schweizer Klassiker hervorragend, wenn man sie modular denkt:

  • Zwei-Caquelon-Fondue: Der einfachste Weg zu einem friedlichen Fondue-Abend. Ein Caquelon mit klassischem Käsefondue, das andere mit einer köstlichen veganen Alternative (z.B. auf Basis von Kartoffeln und Cashews). Jeder hat sein eigenes Brot und seine eigene Gabel. Problem gelöst.
  • Zürcher Geschnetzeltes & Rösti: Bereiten Sie eine grosse Portion knusprige Rösti für alle zu. Dazu servieren Sie eine klassische Rahmsauce mit Kalbfleisch und eine separate, ebenso köstliche vegane Champignon-Rahmsauce (z.B. mit Planted.Chicken).
  • Grillparty: Bereiten Sie eine universelle, köstliche Marinade vor, die sowohl für Gemüsespiesse und vegane Würste als auch für Fleisch verwendet werden kann. Sorgen Sie für eine Fülle an spannenden Salaten (Kartoffelsalat, Linsensalat, Blattsalat), die mehr als nur eine Beilage sind.
  • Reichhaltige Basis: Konzentrieren Sie sich darauf, die veganen Beilagen so spannend und sättigend zu machen, dass sie zum eigentlichen Star der Mahlzeit werden.

Indem Sie das vegane Angebot als die grosszügige, einladende Basis positionieren, nehmen Sie ihm den Beigeschmack des Mangels. Plötzlich ist Veganismus keine Einschränkung mehr, sondern eine Erweiterung des kulinarischen Horizonts für alle am Tisch.

Warum lehnt Ihr Gast Honig ab: Ein kleiner Leitfaden für Nicht-Veganer

Für viele Menschen ist es eine der verwirrendsten Aspekte des Veganismus: der Verzicht auf Honig. „Aber die Bienen machen den doch sowieso!“, ist ein häufig gehörtes Argument. Die Erklärung ist jedoch ganz einfach und logisch, wenn man die Grunddefinition von Veganismus versteht: Veganer meiden alle Produkte, die von Tieren stammen oder deren Herstellung Tiere involviert. Da Honig von Bienen für ihre eigene Ernährung und die Aufzucht ihrer Brut produziert wird, gilt er als tierisches Produkt.

Die industrielle Imkerei, auch in der Schweiz, ist oft weit entfernt von der romantischen Vorstellung eines summenden Bienenstocks im Garten. In der kommerziellen Honigproduktion wird den Bienen der Honig, ihre Winterreserve, weggenommen und typischerweise durch Zuckerwasser ersetzt. Dieses Zuckerwasser hat nicht die gleiche Nährstoffdichte wie Honig. Zudem werden bei der Honigernte oft versehentlich Bienen getötet, und die Königinnen werden manchmal künstlich besamt oder ihre Flügel gestutzt, um das Schwärmen zu verhindern. Aus veganer Sicht stellt dies eine Ausbeutung der Tiere dar, weshalb auf Honig verzichtet wird.

Es geht also nicht darum, ob Bienen „leiden“ wie Säugetiere, sondern um das Prinzip, Tiere und ihre Erzeugnisse nicht für den menschlichen Konsum zu nutzen. Wenn Sie einen veganen Gast haben, ist es ein Zeichen von grossem Respekt, diesen Punkt zu verstehen und zu akzeptieren, auch wenn er einem persönlich trivial erscheinen mag. Glücklicherweise gibt es fantastische und traditionelle Schweizer Alternativen zu Honig, die rein pflanzlich sind.

Statt Honig können Sie wunderbar Birnendicksaft (Birnel), Apfeldicksaft oder Ahornsirup verwenden. Diese Süssungsmittel sind nicht nur vegan, sondern auch tief in der Schweizer Genusskultur verankert und verleihen Gebäcken und Desserts eine köstliche, eigene Note.

Das Wichtigste in Kürze

  • Kulinarische Diplomatie: Seien Sie vorbereitet, freundlich und lösungsorientiert, besonders in traditionellen Restaurants.
  • Tradition neu gedacht: Veganisieren Sie Schweizer Klassiker, anstatt auf sie zu verzichten. Der „Zwei-Caquelon-Trick“ beim Fondue ist ein perfektes Beispiel.
  • Gesundheit im Fokus: Eine vegane Ernährung ist nicht automatisch gesund. Vermeiden Sie die „Pudding-Veganer“-Falle und setzen Sie auf vollwertige Lebensmittel.

Warum ist Vitamin B12 das einzige Supplement, über das Veganer nicht diskutieren dürfen?

In der Welt der veganen Ernährung gibt es viele Debatten: Soja-Mythen, der Proteingehalt von Linsen oder die Frage, ob eine Mandelmilch wirklich „Milch“ heissen darf. Doch bei einem Thema herrscht unter Ernährungswissenschaftlern und erfahrenen Veganern absolute Einigkeit: Vitamin B12. Hier gibt es keinen Spielraum für Meinungen oder persönliche Experimente. Eine rein pflanzliche Ernährung enthält kein zuverlässig verfügbares Vitamin B12, weshalb eine Supplementierung absolut unerlässlich ist.

Diese unumstössliche Tatsache wird auch von kritischen Stimmen anerkannt. Wie Alexander Mathys, Leiter des Labors für nachhaltige Lebensmittelverarbeitung an der ETH Zürich, in einem Interview anmerkte:

Wenn wir die Gesamtheit aller Mikro- und Makronährstoffe berücksichtigen, die unser Körper braucht, ist die vegane Ernährung nicht die beste.

– Alexander Mathys, ETH Zürich

Diese Aussage mag provozieren, doch sie trifft einen wahren Kern: Ohne eine bewusste Ergänzung von B12 ist eine vegane Ernährung langfristig gesundheitsschädlich. Ein Mangel an Vitamin B12 kann zu schweren und irreversiblen neurologischen Schäden führen. Da die Symptome oft erst nach Jahren auftreten, ist die präventive Einnahme entscheidend. Es ist das einzige Thema, bei dem man als Veganer nicht auf sein „Bauchgefühl“ hören darf, sondern auf die Wissenschaft.

Glücklicherweise ist die Lösung denkbar einfach. Vitamin B12 ist als günstiges und sicheres Supplement in Form von Tabletten, Tropfen oder sogar angereicherter Zahnpasta erhältlich. Neben B12 gibt es noch weitere Nährstoffe, die bei einer veganen Ernährung in der Schweiz besondere Aufmerksamkeit erfordern:

  • Vitamin B12: Tägliche Einnahme eines Supplements oder eine wöchentliche Hochdosis ist Pflicht.
  • Jod: Die Verwendung von jodiertem Speisesalz ist in der Schweiz eine einfache und effektive Massnahme.
  • Vitamin D: Besonders in den sonnenarmen Wintermonaten wird eine Supplementierung für die gesamte Schweizer Bevölkerung, nicht nur für Veganer, empfohlen.
  • Omega-3-Fettsäuren: Langkettige Omega-3-Fettsäuren (EPA/DHA) können durch Algenöl-Kapseln zugeführt werden, eine direkte Alternative zu Fischöl.
  • Regelmässige Kontrolle: Lassen Sie Ihre Blutwerte (insbesondere B12, Vitamin D und Eisen) regelmässig bei Ihrem Hausarzt kontrollieren, um sicherzugehen, dass Sie optimal versorgt sind.

Die Verantwortung für die eigene Gesundheit, insbesondere die konsequente B12-Supplementierung, ist der Grundpfeiler eines erfolgreichen veganen Lebens.

Die Entscheidung für eine vegane Lebensweise ist ein starkes Statement. Nehmen Sie Ihre Gesundheit genauso ernst. Sprechen Sie mit Ihrem Hausarzt oder einer qualifizierten Ernährungsberatung und erstellen Sie einen klaren Plan für Ihre Supplementierung. Ihre Gesundheit ist die unverhandelbare Basis für eine lange, glückliche und energiegeladene vegane Reise in der Schweiz und darüber hinaus.

Häufige Fragen zum Veganismus in der Schweiz

Warum verzichten Veganer auf Honig?

Honig ist ein tierisches Produkt, da er von Bienen für ihre eigene Ernährung produziert wird. Veganismus schliesst per Definition alle von Tieren stammenden Produkte aus. Die industrielle Imkerei wird zudem als eine Form der Ausbeutung von Tieren angesehen.

Welche Schweizer Alternativen gibt es zu Honig?

Traditionelle und köstliche Schweizer Alternativen sind Birnendicksaft (bekannt als Birnel), Apfeldicksaft und Zuckerrübensirup. Auch Ahornsirup ist eine weit verbreitete pflanzliche Option zum Süssen.

Wo ist Honig oft versteckt enthalten?

Achten Sie besonders auf die Zutatenliste von Müeslimischungen, Lebkuchen, vielen traditionellen Schweizer Gebäcken und einigen Salatdressings. Honig wird oft als natürliches Süssungs- und Bindemittel verwendet.

Geschrieben von Elin Keller, Zertifizierte vegane Ernährungsberaterin und Food-Stylistin aus Basel. Sie ist spezialisiert auf pflanzliche Proteinquellen, Allergene und moderne "Plant-Based"-Küche.