
Die Entscheidung für Insekten ist kein Food-Trend, sondern ein knallharter Tauschhandel: Wir opfern kulinarische Gewohnheit und überwinden Ekel für eine radikal bessere Umweltbilanz.
- Ein Rindersteak benötigt ein Vielfaches an Wasser und stösst massiv mehr CO2 aus als Insektenprotein, selbst im Vergleich zu bestem Schweizer Bio-Fleisch.
- Die grössten Hürden sind nicht der Geschmack (der ist oft nussig), sondern die psychologische Ekel-Barriere und der aktuell hohe Preis in Schweizer Supermärkten.
Empfehlung: Beginnen Sie nicht mit ganzen Insekten, sondern mit verarbeiteten Produkten wie Burger-Patties oder gerösteten, gewürzten Mehlwürmern, um die Hemmschwelle strategisch zu senken.
Die Idee, Insekten zu essen, ist in der Schweiz längst keine ferne Utopie mehr. Seit 2017 sind bestimmte Arten wie Mehlwürmer, Grillen und Heuschrecken offiziell als Lebensmittel zugelassen und finden sich vereinzelt in den Regalen von Coop und Migros. Die üblichen Argumente sind schnell zur Hand: Insekten sind eine fantastische Proteinquelle und ihre Zucht ist deutlich umweltfreundlicher als die traditionelle Viehwirtschaft. Man hört von drastisch reduziertem Wasserverbrauch, minimaler Landnutzung und einem verschwindend geringen CO2-Fussabdruck. Das klingt nach einer einfachen Lösung für ein komplexes Problem, ein Win-Win für Gaumen und Planet.
Doch diese oberflächliche Sichtweise übersieht die entscheidende Wahrheit. Die Integration von Insekten in unsere Ernährung ist kein harmonisches Add-on, sondern ein radikaler, fast schon provokanter kulinarischer Tauschhandel. Wir tauschen nicht einfach nur ein Steak gegen einen Insektenburger. Wir tauschen tief verwurzelte kulturelle Normen, kulinarische Traditionen und einen unbestreitbaren Ekel-Faktor gegen messbare, aber oft abstrakte ökologische Vorteile. Die eigentliche Frage ist nicht, *ob* wir Insekten essen sollten, sondern: Was sind wir bereit, für diese neue Form der Nachhaltigkeit aufzugeben? Und was bekommen wir im Gegenzug wirklich dafür – auf dem Teller, im Portemonnaie und für unser Gewissen?
Dieser Artikel ist keine blosse Lobeshymne auf die Entomophagie. Er ist eine ehrliche Bilanz dieses Tauschhandels, speziell für den Schweizer Kontext. Wir werden das ökologische Versprechen mit harten Zahlen konfrontieren, die psychologische „Ekel-Bilanz“ analysieren, die gesundheitlichen Risiken beleuchten und schliesslich prüfen, ob sich dieser System-Wechsel für Sie persönlich überhaupt lohnt.
Inhaltsverzeichnis: Der grosse Protein-Tauschhandel auf dem Schweizer Teller
- Warum verbraucht ein Rindersteak 100-mal mehr Wasser als ein Insektenburger?
- Wie verarbeiten Sie Mehlwürmer so, dass sie nussig und lecker schmecken?
- Quorn oder Spirulina: Welches „Labor-Food“ ist tatsächlich gesund und natürlich?
- Die Gefahr für Schalentier-Allergiker: Warum dürfen Sie keine Grillen essen?
- Wann ist die Hemmschwelle am niedrigsten: Wie probieren Sie Neues ohne Ekel?
- Wie fördert das Weiderind auf der Alp die Blumenvielfalt, während Soja-Futter sie zerstört?
- Quinoa aus dem Mittelland: Wie erfinden Schweizer Bauern die Landwirtschaft neu?
- Wie sparen Sie 150 CHF im Monat, indem Sie Fleisch strategisch reduzieren?
Warum verbraucht ein Rindersteak 100-mal mehr Wasser als ein Insektenburger?
Der Kern des ökologischen Arguments für Insekten liegt im Ressourcen-Kalkül. Die Zahlen sind erdrückend und zeigen, warum der Vergleich mit konventionellem Fleisch so dramatisch ausfällt. Es geht nicht nur um ein bisschen Effizienz, sondern um Grössenordnungen. Der Wasserverbrauch ist hierbei einer der eindrücklichsten Faktoren.
Während der Titel bewusst zuspitzt, ist die Realität kaum weniger schockierend. Laut aktuellen Erhebungen werden für die Produktion von einem Kilogramm Rindfleisch unfassbare 15’415 Liter Wasser benötigt. Ein Kilogramm Mehlwürmer kommt im Vergleich dazu mit etwa 4’241 Litern aus. Das ist immer noch eine Menge, aber es ist fast viermal weniger. Die Einsparung ist also enorm und entlastet die Wasserressourcen signifikant. Dieser massive Unterschied ergibt sich aus dem Wasserbedarf für den Futteranbau, dem Tränken der Tiere und den Reinigungsprozessen in der Haltung.
Um den Wasserverbrauch visuell zu verdeutlichen, stellen Sie sich die Landschaft vor, die zur Produktion Ihrer Proteinquelle benötigt wird. Die folgende Darstellung kontrastiert den extensiven Bedarf der Rinderzucht mit der kompakten Effizienz der Insektenfarm.

Doch es geht nicht nur um Wasser. Auch die Klimabilanz spricht eine klare Sprache. Selbst in der vorbildlichen Schweizer Landwirtschaft ist der Unterschied gewaltig. Eine Studie des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL) zeigt, dass selbst nachhaltig produziertes Fleisch einen hohen Fussabdruck hat. So verursachen Schweizer Bio Suisse-Betriebe 6.3 kg CO2-Äquivalente pro Kilogramm Rindfleisch. Insektenprotein liegt hier im Bereich von nur etwa 3-4 kg CO2. Der Tauschhandel ist also klar: Sie geben ein gewohntes Produkt auf und erhalten dafür eine drastisch reduzierte Umweltbelastung.
Wie verarbeiten Sie Mehlwürmer so, dass sie nussig und lecker schmecken?
Die grösste Hürde beim kulinarischen Tauschhandel ist oft nicht der tatsächliche Geschmack, sondern die Erwartungshaltung und der visuelle Ekel. Doch mit der richtigen Zubereitung verwandeln sich Mehlwürmer von einer Mutprobe in eine überraschend schmackhafte Zutat. Der Schlüssel liegt darin, ihre natürliche, leicht nussige Note zu betonen und eine knusprige Textur zu erzeugen.
Für Einsteiger ist das Rösten in der Pfanne der einfachste und effektivste Weg. Die trockene Hitze intensiviert das Aroma und sorgt für den gewünschten „Crunch“. Wer es süss mag, kann die gerösteten Würmer mit etwas Zucker karamellisieren – eine perfekte Zutat für Müesli oder als Topping für Desserts. Für eine herzhafte Variante brät man sie mit Knoblauch in Butterschmalz an und verfeinert sie mit frischen Kräutern und Gewürzen. So werden sie zu einem proteinreichen Snack oder einer spannenden Beilage.
Die Erfahrung zeigt, dass die Hemmschwelle sinkt, sobald das Insekt nicht mehr als solches erkennbar ist. Daniel Birchler, ein Schweizer Pionier des Insektenkochens, beschreibt diesen Gewöhnungseffekt im Interview mit dem SRF so:
Ich wollte meinen Eiweiss-Konsum nicht mehr länger mit Fleisch decken. So bin ich auf Insekten gekommen […] nach dem fünften Mal wird es ganz normal.
– Daniel Birchler, SRF Interview – Grounded Insekten kochen
Um den Einstieg so einfach wie möglich zu gestalten, haben wir eine schrittweise Anleitung zusammengestellt, die Ihnen hilft, das Beste aus Mehlwürmern herauszuholen.
Ihr Aktionsplan: Mehlwürmer perfekt zubereiten
- Die richtige Methode wählen: Mehlwürmer eignen sich ideal zum Rösten. Für andere Zubereitungsarten wie Kochen oder Braten empfiehlt es sich, sie vorher zu marinieren, damit sie Geschmack annehmen.
- Herzhaft anrösten: Etwas Knoblauch in Butterschmalz anbraten. Die gefriergetrockneten Mehlwürmer hinzufügen und bei mittlerer Hitze knusprig braten. Zum Schluss mit frischen Kräutern (z.B. Rosmarin) und Gewürzen nach Wahl verfeinern.
- Süss karamellisieren: Die Mehlwürmer in einer beschichteten Pfanne ohne Fett kurz anrösten. Etwas Zucker darüber streuen und erhitzen, bis er schmilzt und karamellisiert. Die Würmer schnell mit dem Karamell vermengen und auf Backpapier abkühlen lassen.
- Die Hemmschwelle senken: Beginnen Sie mit Gerichten, bei denen die Insekten nicht im Vordergrund stehen. Eine Heuschrecke im Schokoladenmantel oder gemahlene Insekten in einem Burger-Patty nehmen die erste Scheu.
- Die Textur geniessen: Konzentrieren Sie sich auf das Mundgefühl. Geröstete Insekten sind knusprig und erinnern an Nüsse oder Popcorn. Diese positive Assoziation hilft, die visuelle Barriere zu überwinden.
Quorn oder Spirulina: Welches „Labor-Food“ ist tatsächlich gesund und natürlich?
Insekten sind nicht die einzige Alternative auf dem futuristischen Speiseplan. Produkte wie Quorn (ein Mykoprotein aus fermentiertem Schimmelpilz) oder Spirulina (eine Blaualge) konkurrieren ebenfalls um den Titel der nachhaltigsten Proteinquelle. Doch wie schlagen sich Insekten im direkten Vergleich, wenn es um die Umweltbilanz und die Protein-Effizienz geht? Die Antwort liegt in den Details.
Aus ökologischer Sicht positionieren sich Insekten im Mittelfeld der Fleischalternativen, aber weit vor dem Fleisch selbst. Der grosse Vorteil pflanzlicher Proteine wie Soja ist ihre noch geringere CO2-Bilanz. Insekten überholen jedoch Schwein und Geflügel deutlich und lassen Rindfleisch weit hinter sich.
Die folgende Tabelle, basierend auf Daten des deutschen Umweltbundesamtes, gibt einen klaren Überblick über die CO2-Emissionen verschiedener Proteinquellen.
| Proteinquelle | kg CO2-eq pro kg Produkt | Umweltbilanz-Ranking |
|---|---|---|
| Soja-basiert | 2,8 | 1. Platz |
| Insekten | ~3-4 | 2. Platz |
| Schweinefleisch | 4,1 | 3. Platz |
| Geflügel | 4,3 | 4. Platz |
| Rindfleisch | 30,5 | Letzter Platz |
Wo Insekten jedoch wirklich glänzen, ist ihre aussergewöhnliche Effizienz in der Umwandlung von Futter in Körpermasse. Laut Schweizer Experten sind 80% einer Grille essbar und verdaulich. Zum Vergleich: Bei Hühnern und Schweinen sind es nur 55%, bei Rindern sogar nur 40%. Das bedeutet, dass viel weniger Futter und Energie „verschwendet“ wird. Grillen sind in dieser Hinsicht zwölfmal effizienter als Rinder. Dieser Grad an Effizienz ist es, der Insekten zu einer so potenten Kraft im System-Wechsel der Ernährung macht.

Während Quorn und Spirulina oft hochverarbeitete Produkte sind, können Insekten auch in ihrer Ganzheit konsumiert werden, was sie zu einer „natürlicheren“ Option unter den neuartigen Lebensmitteln macht. Die Wahl hängt letztlich von den persönlichen Prioritäten ab: Geht es rein um den niedrigsten CO2-Fussabdruck (Vorteil Soja) oder um die maximale Ressourceneffizienz (Vorteil Insekten)?
Die Gefahr für Schalentier-Allergiker: Warum dürfen Sie keine Grillen essen?
Der kulinarische Tauschhandel wäre unvollständig ohne eine ehrliche Betrachtung der Risiken. So vielversprechend Insekten als Nahrungsquelle sind, für eine bestimmte Personengruppe bergen sie eine erhebliche Gefahr: Menschen mit einer Allergie gegen Krusten- und Weichtiere (Schalentiere) oder Hausstaubmilben. Der Grund dafür ist eine biologische Verwandtschaft und ein spezifisches Protein, das als potenter Allergieauslöser fungiert.
Insekten gehören wie Krebstiere zum Stamm der Gliederfüsser. Sie teilen sich daher ähnliche Proteinstrukturen. Das Hauptallergen, um das es hier geht, heisst Tropomyosin. Dieses Protein ist für die Muskelkontraktion verantwortlich und kommt in fast allen wirbellosen Tieren vor. Wer also auf Garnelen, Krebse oder Muscheln allergisch reagiert, dessen Immunsystem wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auch das Tropomyosin in Grillen, Heuschrecken oder Mehlwürmern als Feind erkennen und eine allergische Reaktion auslösen. Man spricht hier von einer Kreuzallergie.
Die Wissenschaft ist sich in diesem Punkt sehr klar, wie das Institut für Medizinische Diagnostik in Berlin betont:
Tropomyosin ist ein potentielles Nahrungsmittelallergen in Insekten, Krebstieren, Mollusken sowie dem Fischparasit Anisakis simplex […] Da Tropomyosin in 98% aller Meeresfrüchte vorkommt, ist es der Hauptverursacher von Kreuzreaktionen.
– IMD Berlin Institut, Tropomyosin-assoziierte Kreuzallergien
Die Symptome können von leichten Reaktionen im Mund- und Rachenraum (Kribbeln, Jucken, Schwellungen) bis hin zu schweren systemischen Reaktionen wie einem lebensbedrohlichen anaphylaktischen Schock reichen. Aus diesem Grund ist in der EU und der Schweiz ein deutlicher Warnhinweis auf allen insektenhaltigen Produkten gesetzlich vorgeschrieben. Absolute Vorsicht ist für betroffene Allergiker daher das oberste Gebot.
Wann ist die Hemmschwelle am niedrigsten: Wie probieren Sie Neues ohne Ekel?
Die grösste Herausforderung beim Tauschhandel ist nicht ökologischer oder geschmacklicher, sondern psychologischer Natur. Die Ekel-Bilanz – die Abwägung zwischen Neugier und tief sitzendem Widerwillen – fällt bei den meisten Menschen in der Schweiz noch negativ aus. Eine Marktumfrage, über die Swissinfo berichtete, kam zu einem ernüchternden Ergebnis: Nur etwa neun Prozent der Schweizer Bevölkerung befürworten den Verzehr von Insekten aktiv.
Die Hemmschwelle ist eine komplexe Mischung aus kultureller Prägung und visueller Abneigung. Ein ganzes Insekt zu sehen, mit Beinen und Fühlern, löst bei vielen eine instinktive Reaktion aus. Die niedrigste Hemmschwelle besteht daher, wenn das Insekt „unsichtbar“ gemacht wird. Produkte wie Insektenmehl in Brot oder Nudeln, oder Burger-Patties, in denen die Grillen zu einer homogenen Masse verarbeitet sind, erleichtern den ersten Schritt erheblich. Es geht darum, das Gehirn auszutricksen, indem man ihm ein vertrautes Format präsentiert.
Selbst Food-Blogger, die von Berufs wegen neugierig sind, tun sich oft schwer, wie eine ehrliche Einschätzung in der Schweizer Illustrierten zeigt:
Wirklich schmackhaft fand ich die Insekten ehrlich gesagt nicht. Mit viel Sauce und Gewürzen waren sie zwar durchaus geniessbar, interessant, knackig, aber wirklich lecker schmeckt für mich anders. Was die Jungs von Essento vorhaben finde ich aber absolut unterstützenswert.
– Zoé Torinesi, Schweizer Illustrierte
Dieser Erfahrungsbericht spiegelt die Realität wider, die auch im Detailhandel zu beobachten ist. Der Wille ist da, aber die breite Akzeptanz fehlt noch, was zu absurden Situationen führt.
Fallstudie: Die Realität im Schweizer Supermarkt
Ein Bericht von Swissinfo schildert eine bezeichnende Szene in einem grossen Schweizer Supermarkt. Auf die Frage nach Mehlwurm-Burgern reagierte die Verkäuferin nervös, als wäre sie Opfer einer versteckten Kamera. Ihr Vorgesetzter klärte schliesslich auf, dass die Burger aus dem Sortiment genommen wurden, weil sie schlicht niemand kaufte. Dieses Beispiel zeigt eindrücklich die Kluft zwischen dem Potenzial eines Produkts und der tatsächlichen Marktakzeptanz in der Schweiz. Die Ekel-Bilanz ist für viele Konsumenten noch zu hoch.
Wie fördert das Weiderind auf der Alp die Blumenvielfalt, während Soja-Futter sie zerstört?
In der hitzigen Debatte um Fleischkonsum wird oft ein wichtiger Aspekt der Schweizer Realität übersehen: Nicht jede Form der Tierhaltung ist gleich. Der Tauschhandel ist komplexer, als es scheint. Während die industrielle Massentierhaltung, die oft auf importiertem Soja-Futter basiert, eine verheerende Umweltbilanz hat und zur Zerstörung von Regenwäldern beiträgt, spielt die traditionelle Alpwirtschaft in der Schweiz eine differenziertere Rolle.
Ein Weiderind, das im Sommer auf einer Schweizer Alp grast, ist Teil eines über Jahrhunderte gewachsenen Ökosystems. Durch das Grasen halten die Tiere die Flächen offen und verhindern die Verbuschung. Sie schaffen Lebensräume für eine Vielzahl von Pflanzen und Insekten, die auf diese offenen Landschaften angewiesen sind. Die extensive Beweidung fördert die Artenvielfalt und trägt zum Erhalt der charakteristischen Schweizer Kulturlandschaft bei. In diesem spezifischen Kontext ist das Rind also nicht nur ein „Klimakiller“, sondern auch ein „Landschaftspfleger“.
Diese positive Rolle für die lokale Biodiversität darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die globale Klimabilanz von Rindfleisch problematisch bleibt. Selbst das nachhaltigste Alprind stösst durch seine Verdauung Methan aus, ein potentes Treibhausgas. Der WWF Schweiz bringt dieses Dilemma auf den Punkt, indem er den CO2-Fussabdruck von Schweizer Rindfleisch mit dem von Linsen vergleicht:
Für die Produktion eines Kilos Schweizer Rindfleisch werden gemäss FAO etwa 15 Kilo CO2-Eq ausgestossen. Bei Linsen sind es hingegen schlanke 0,7 Kilo CO2 […] wegen dieser grossen Unterschiede ist leicht verständlich, dass ein pflanzenbetonter Ernährungsstil die Umwelt und das Klima stark entlastet.
– WWF Schweiz, Fleisch und Milchprodukte – Umweltbilanz
Der Tauschhandel wird hier besonders deutlich: Wählt man das Alprind, unterstützt man potenziell die lokale Biodiversität, nimmt aber eine hohe Klimabelastung in Kauf. Wählt man die Linse (oder die Grille), optimiert man die Klimabilanz, verliert aber den direkten Beitrag zur Pflege der Alpwiesen. Es gibt keine einfache, perfekte Antwort – nur eine bewusste Abwägung der Prioritäten.
Quinoa aus dem Mittelland: Wie erfinden Schweizer Bauern die Landwirtschaft neu?
Der Druck, nachhaltigere Proteinquellen zu finden, hat in der Schweizer Landwirtschaft eine Welle der Innovation ausgelöst. Der Fokus liegt nicht nur auf dem Import neuer Ideen, sondern auf deren Anpassung an lokale Gegebenheiten. Schweizer Bauern erfinden ihre Rolle neu und experimentieren mit Kulturen und Zuchtformen, die vor wenigen Jahren noch undenkbar schienen. Dies ist der positive Teil des System-Wechsels: weg von der reinen Tradition, hin zur zukunftsorientierten Produktion.
Ein prominentes Beispiel ist der Anbau von Quinoa im Schweizer Mittelland. Das ursprünglich aus den Anden stammende Pseudogetreide galt lange als nicht anbaubar in unseren Breitengraden. Doch durch Züchtung und angepasste Anbaumethoden gelingt es findigen Landwirten heute, hochwertigen Quinoa auf Schweizer Böden zu produzieren. Dies reduziert nicht nur die Transportwege und den damit verbundenen CO2-Ausstoss, sondern schafft auch eine neue, lucrative Nische für die heimische Landwirtschaft.
Noch direkter auf das Thema dieses Artikels bezogen ist die Pionierarbeit im Bereich der Insektenzucht. Unternehmen wie die „Insekterei“ haben die rechtlichen Möglichkeiten von 2017 genutzt, um professionelle Zuchtanlagen aufzubauen.
Fallstudie: Insekterei – Die Pioniere der Schweizer Grillenfarm
Die Insekterei war die erste kommerzielle Grillenfarm der Schweiz und hat den Weg für eine neue Art von Landwirtschaft geebnet. Ihr Ansatz ist es, Insekten als gesunde und ökologische Alternative zu Fleisch und Milch zu etablieren. Sie züchten ihre Grillen unter kontrollierten Bedingungen, füttern sie mit Nebenprodukten der Lebensmittelindustrie und verarbeiten sie zu verschiedenen Produkten – von ganzen, gerösteten Grillen bis hin zu Proteinriegeln. Ihr Erfolg zeigt, dass eine lokale, nachhaltige Proteinproduktion auch ausserhalb der traditionellen Viehzucht möglich ist und auf positive Resonanz in der Gastronomie stösst. Gastronomen, die ihre Produkte testeten, lobten das „intensivere Geschmackserlebnis“ im Vergleich zu importierter Ware.
Diese Beispiele zeigen, dass die Antwort auf die Proteinfrage nicht „entweder/oder“ lauten muss. Eine Kombination aus innovativen pflanzlichen Kulturen wie Quinoa und einer effizienten, lokalen Insektenzucht kann die Schweizer Landwirtschaft diversifizieren, resilienter machen und gleichzeitig die Umweltbelastung reduzieren. Es ist ein aktives Neugestalten der Zukunft auf dem Acker.
Das Wichtigste in Kürze
- Radikaler Tauschhandel: Der Wechsel zu Insekten ist keine Ergänzung, sondern der Tausch von Kultur und Ekel gegen eine drastisch bessere Ökobilanz.
- Die grösste Hürde ist der Kopf: Nicht der Geschmack, sondern der visuelle Ekel und die kulturelle Prägung sind die Hauptbarrieren. Verarbeitete Produkte sind der Schlüssel.
- Achtung, Allergiker: Personen mit einer Allergie gegen Schalentiere oder Hausstaubmilben müssen Insekten wegen der hohen Kreuzallergie-Gefahr meiden.
Wie sparen Sie 150 CHF im Monat, indem Sie Fleisch strategisch reduzieren?
Der letzte und oft entscheidende Punkt im kulinarischen Tauschhandel ist das Geld. Der Titel verspricht eine Ersparnis von 150 CHF pro Monat – eine verlockende Summe. Doch hier ist brutale Ehrlichkeit gefragt: Derzeit ist der direkte Ersatz von Fleisch durch Insektenprodukte in der Schweiz kein Sparmodell. Ganz im Gegenteil.
Die Realität an der Ladenkasse ist ernüchternd. Wie eine Recherche von Swissinfo aufzeigt, sind Insektenprodukte Nischenartikel mit einem entsprechenden Preis. Aktuelle Schweizer Marktpreise zeigen, dass eine 170-Gramm-Packung Mehlwurm-Burger 6.95 Franken kostet. Das ist teurer als die meisten Burger-Patties aus Fleisch oder Gemüse. Der Preis für ganze Insekten als Snack ist mit 17.50 Franken für 45 Gramm sogar noch höher. Der Grund liegt in der noch kleinen Produktionsmenge und den hohen Anfangsinvestitionen der Pioniere.
Wie also kommt die Ersparnis zustande? Sie ergibt sich nicht durch den 1:1-Tausch, sondern durch eine strategische Reduktion des gesamten Fleischkonsums. Die 150 CHF sind ein realistischer Wert, den ein durchschnittlicher Haushalt sparen kann, wenn er mehrere Fleischmahlzeiten pro Woche durch günstigere, pflanzliche Alternativen wie Linsen, Bohnen oder Kichererbsen ersetzt. Die Ersparnis kommt aus der Reduktion von teurem Rind- und Kalbfleisch.
Insekten spielen in dieser Gleichung vorerst eine ökologische, keine finanzielle Rolle. Man kann jedoch auch innerhalb des Fleischkonsums strategisch agieren, um zumindest die CO2-Bilanz zu verbessern, wie die folgende Tabelle zeigt.
| Fleischart | CO2-Äquivalente pro kg | Einsparung vs Rindfleisch |
|---|---|---|
| Geflügel | ~5-6 kg | 75% |
| Schweinefleisch | ~8-10 kg | 60% |
| Rindfleisch | ~20-25 kg | – |
Die finanzielle Einsparung wird also durch den Verzicht erzielt, nicht durch den Ersatz mit Insekten. Der Griff zum Insektenburger ist heute ein Statement für Ökologie und Innovation, für das man bereit sein muss, einen Aufpreis zu zahlen. Der Tauschhandel lautet hier: mehr Geld ausgeben für ein besseres Umweltgewissen.
Beginnen Sie noch heute damit, Ihr persönliches Ressourcen-Kalkül aufzustellen. Analysieren Sie Ihren wöchentlichen Speiseplan und identifizieren Sie, wo Sie den grössten ökologischen und finanziellen Hebel ansetzen können. Der erste Schritt zur Veränderung ist die bewusste Entscheidung.
Häufige Fragen zum Verzehr von Insekten in der Schweiz
Wer ist besonders gefährdet bei Insektenverzehr?
Allergiker, die auf Hausstaubmilben oder Krustentiere (wie Garnelen oder Krebse) allergisch reagieren. Die in der Schweiz zugelassenen Speiseinsekten gehören zum Stamm der Gliederfüßer, genau wie Hausstaubmilben und Krustentiere. Aus diesem Grund kann es zu gefährlichen Kreuzallergien kommen.
Welche Symptome können bei einer Allergie auf Insekten auftreten?
Die Reaktionen können lokal im Mund- und Rachenraum, an der Zunge, am Gaumen und an den Lippen auftreten und sich in Form von Kribbeln, Jucken, Brennen oder Schwellungen äussern. Im schlimmsten Fall kann es jedoch auch zu einer lebensbedrohlichen systemischen Reaktion, der sogenannten Anaphylaxie, kommen.
Wie werden Verbraucher in der Schweiz vor diesen Risiken geschützt?
Die Gesetzgebung, die sich an den EU-Verordnungen orientiert, schreibt einen klaren und unmissverständlichen Warnhinweis auf der Verpackung aller insektenhaltigen Produkte vor. Dieser Hinweis muss darauf aufmerksam machen, dass das Produkt bei Verbrauchern mit bekannten Allergien gegen Krebs- oder Weichtiere sowie gegen Hausstaubmilben allergische Reaktionen hervorrufen kann.